Fortschritte der Zellforschung in Kanada und Deutschland

200×50.gifIch bin mir etwas unsicher, ob es eine gute Idee ist dieses Posting ins Blog zu tun, denn es scheint zu schön um wahr zu sein, gerade deshalb ist wohl auch Vorsicht angebracht! Dennoch, der NewScientist berichtete bereits im Februar 2007 mit der Titelzeile „Cheap, ’safe‘ drug kills most cancers“ über einen neuen Ansatz der Krebsbekämpfung, der in Kanada an der Universität von Alberta unternommen wird.

Dabei wird ein Stoffwechselungleichgewicht der betroffenen Zellen, dass eine eine Deaktivierung der Mitochondrien verursacht, mit dem Mittel Dichloroacetat ausgeglichen. Die Zellen bekommen den Stoff zugeführt, der den deaktivierten natürlichen Zelltod-Mechanismus über die Mitochondrien wieder reaktiviert: Die Krebszelle kann danach natürlich absterben, was sie offenbar in Tierexperimenten erfolgreich getan hat. (siehe auch wiss. Paper als PDF)

michelakis-1.jpgSeit der Veröffentlichung Anfang 2007 haben in Alberta die Verbereitungen für einen klinischen Test dieses Stoffes (der kein neu entwickeltes Medikament ist, sondern ein lange bekannter und auch medizinisch eingesetzter Stoff) an Menschen begonnen, die ein Krebsleiden haben. Der NewScientist berichtet erneut darüber mit dem Titel „Controversial drug DCA to get first human trials“.

Das Interesse an dieser Studie, die von Dr. Evangelos Michelakis, Associate Professor an der medizinischen Fakultät für Medizin, Abteilung Kardiologie (siehe Bild links) geleitet wird, ist so groß, dass die Universität von Alberta eine Informationsseite und eine Medienseite dazu anbietet mit weiteren Informationen. Michelakis arbeitet zugleich in der Vascular Biology Group (VBG), die sich u.a. mit der Untersuchung von „[…] putative oxygen sensors (including mitochondria […]“ beschäftigt. Vielleicht ist er über die Untersuchung des Sauerstofftransportes in Blutzellen auf die Idee gekommen, das ein Stoffwechselungleichgewicht Zellen ausser Kontrolle geraten lässt. Spannend ist das für mich vor allem, weil für die klinische Studie auch ein bildgebendes Verfahren (Positronen Emissions Tomographie, kurz PET) eingesetzt wird, ähnlich dem MRT, mit dem ich selbst bereits in einem freiwilligen Versuch Bekanntschaft machte.

Dazu ein Zitat aus dem Artikel des Edmonton Journal:

Michelakis and his co-investigator in the clinical trial, Dr. Kenn Petruk, head of neurosurgery for Edmonton’s Capital Health Authority, said they will be able to tell if DCA is affecting the cancer cells within one month to six weeks after they start treatment. Using a PET scan — a positron emission tomography machine that Capital Health only secured in March — they will be studying if DCA reduces the amount of glucose metabolized by cancer cells. Cancer cells love sugar.

(via Google News)

Die Forscher um Michelakis hatten zunächst versucht Geld für klinische Studien von der pharmazeutischen Industrie zu bekommen. Diese hatte allerdings rätselhafter Weise kein Interesse an einer Förderung der Forschung zu dem beforschten Medikament. Die Universität Alberta und die Bevölkerung begannen daher private Spenden für eine klinische Studie am Menschen zu sammeln.

Am 24. September 2008 (vor einem Monat) gab Dr. Evangelos Michelakis in einer Mitteilung (als PDF) bekannt, dass bereits 800.000 US-Dollar von den angepeilten 1,5 Mio US-Dollar als Spenden gesammelt wurden. Die klinische Studie kann damit seit diesem Monat beginnen (Details zur Studie). Ein beachtlicher Erfolg!

250px-diagram_of_a_human_mitochondrion_de.pngGestern nun habe ich eine weitere spannende Meldung zum Thema Zellen, insbesondere den Mitochondrien gelesen. Unter dem Titel „Geschickt gebaut – Struktur einer zellulären Kraftstoffpipeline entschlüsselt“ berichtet der Informationsdienst Wissenschaft:

Einem interdisziplinären Team von Wissenschaftlern der Max-Planck-Institute für biophysikalische Chemie (Göttingen), Biochemie (Martinsried) sowie Entwicklungsbiologie und biologische Kybernetik (beide Tübingen) ist es gelungen, die Struktur eines lebenswichtigen Transportkanals in den „Kraftwerken“ der Zelle – den Mitochondrien – aufzuklären. Über diesen Weg werden Zellen nicht nur mit Energie und Stoffwechselprodukten, sondern auch mit „Befehlen“ zum Zell-Selbstmord versorgt.

Der sogenannte voltage-dependent anion channel (VDAC Kanal) könnte vielleicht auch für die Forschergruppe in Kanada interessant sein, denn neben ihrer Aufgabe als Energielieferant der Zelle spielen Mitochondrien eine entscheidende Rolle beim programmierten Zell-Selbstmord, der Apoptose und die „Kommandos“ zum programmierten Zelltod werden offenbar über exakt diesen untersuchten VDAC-Kanal verschickt. Ich verstehe zu wenig von den Details dieser Forschung, aber hier scheinen sich die Dinge auf einen gemeinsamen Punkt zu zubewegen.

Wissenschaftliche Kritik an der Darstellung bzw. Öffentlichkeitsarbeit der Studie gibt es auch. Zum Beispiel hier „Curing cancer? The dichloroacetate story“.

Update 9.11.2008
DerStandard berichtet über einen weiteren Durchbruch bei der Erforschung von Zellen. In dem Beitrag „Wie Schweinsbraten aus Fisch“ stellt der Beitrag eine Erkenntnis vor, die für die Zellforschung neu ist: „Dort, wo nach gängiger Lehrmeinung Ribonukleinsäure (RNA) sein sollte, war keine.“ – da sieht man mal wieder, dass NICHTS zu finden ebenfalls einen Durchbruch bedeuten kann. Der exakte Forschungsbeitrag in einem Artikel, der von den Forschern Johann Holzmann, Peter Frank, Esther Löffler, Keiryn L. Bennett, Christopher Gerner und Walter Rossmanith bei Cell veröffentlicht wurde, ist zu finden unter dem Titel „RNase P without RNA: Identification and Functional Reconstitution of the Human Mitochondrial tRNA Processing Enzyme“.

Update 12.1.2009
Weitere Erkenntnisse, die die Zellenergieversorgung betreffen: Cardiolipin and electron transport chain abnormalities in mouse brain tumor mitochondria: lipidomic evidence supporting the Warburg theory of cancer

davidsdeathbutton.pngWhy do I blog this? Erstmals hatte ich vor einem Jahr über diesen erfolgversprechenden Ansatz etwas mitbekommen – ich hielt es allerdings für fast zu schön um wahr zu sein. Da die klinischen Studien zu dem Einsatz des Dichloroacetate (DCA) nun jedoch endlich beginnen werden ist es zwar möglicherweise etwas früh darüber etwas zu schreiben, aber interessant erscheint es dennoch, wie hier mit Beharrlichkeit Schritt für Schritt die Geheimnisse des Zelltod-Mechanismus weltweit enträtselt werden. Hoffnungsvolle Meldungen in Sachen Krebsbekämpfung sind ziemlich rar, die Skandale in der Krebsforschung hingegen bleiben allzuleicht im Gedächtnis haften. Nicht zuletzt deshalb widme ich diesen Beitrag hoffnungsvoll allen, die von Krebs betroffen sind und/oder waren – so wie ein guter Freund von mir vor drei Jahren den Kampf gegen die unkontrollierten Zellen verloren hat.

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