COVID-19: Die große Pandemie und die Werte unserer Zivilisation

Auf vielen Webseiten gibt es derzeit Informationen über die Entwicklung der Covid-19-Pandemie. Viele dieser Webseiten verbreiten einfach nur Dinge die irgendeine Originalquelle mal veröffentlicht hat und die alle anderen voneinander abschreiben. Oft wird die ursprüngliche Quelle gar nicht mehr genannt.

Zahlen, Charts und Statistiken. Wem genau hilft das?

Vor allem werden natürlich Zahlen genannt. Zahlen von infizierten, Zahlen von Toten, Zahlen von Ansteckungsraten, Zahlen zu Abstandhaltung, Zahlen von Arbeitslosen, Zahlen für Kreditlinien, Zahlen der Börse, Zahlen von Intensivbetten, Zahlen für nahezu alles werden feilgeboten. Bestes Beispiel diese ZEIT Online Seite:

https://www.zeit.de/wissen/gesundheit/coronavirus-echtzeit-karte-deutschland-landkreise-infektionen-ausbreitung

Zahlen zu Deutschland

Es liegt durchaus nahe, warum ausgerechnet die Zahlen soviel Verbreitung erfahren, sie sind aus verschiedenen Quellen plötzlich günstig verfügbar und lassen sich herrlich visualisieren. Zahlen sind eine Art der Kommunikation, die die Interpretation dem Leser überlassen könnte. Zahlen sind derzeit günstig beschaffbar und spektakulär in der derzeit beobachteten Entwicklung. Wir schauen wie magisch gebannt auf Zahlen die doch nur ein abstraktes Abbild dessen sind was sich da in Superzeitlupe vor unseren Augen entfaltet.

Doch was taugen diese Zahlen als Beitrag zu einer echten Lösung der Probleme vor die wir tatsächlich gestellt sind? Wir sehen in der Karte eigentlich nur eines, Großstädte haben mehr Probleme mit dem Virus als Dörfer. Es scheint zentral zu sein, dass ein hochfrequentierter Flughafen in der Nähe ist, damit die Voraussetzungen gegeben sind hohe Corona Infiziertenzahlen zu erreichen. Zugleich scheint die Anzahl der Infizierten auch damit zusammenhängen wieviel wirtschaftliche Aktivität in der jeweiligen Region vorhanden ist.

Aber was sind die Probleme vor die wir nun eigentlich alle gestellt sind, vom Menschenleben retten bei dem ein Nichtmediziner nicht so wahnsinnig viel tun kann einmal abgesehen?

Zahlen zu Bremen

Die echten Probleme bekommen keinen Bericht und auch keine Zahlen

Zu den meiner Ansicht nach wahrhaften Problemen gibt es keine Zahlen. Denn diese Zahlen erhebt derzeit kaum jemand. Sie sind nicht einfach da, sie sind weder kostengünstig erhältlich noch kann man sie so schön visualisieren wie die tollen exponenziellen Wachstumskurven die kaum jemand begreift.

Es fehlen Zahlen zu der tatsächlichen Anzahl von Menschen die gerade kein Einkommen mehr haben, weil sie entweder ihren Job losgeworden sind (z.B. als IT Freelancer) oder die ihr pysisches Geschäft schliessen mussten aufgrund behördlicher Anordnungen.

Es fehlen Zahlen dazu, wieviele Menschen aktuell in einer Art Hausarrest-Modus leben und vor der Herkulesaufgabe stehen Kinder in der Wohnung halten zu müssen. Sind es kleine Kinder, die keine anderen Kinder sehen dürfen derzeit, dann wird es früher oder später problematisch. Sind es schulpflichtige Kinder, dann entsteht der Spagat als Eltern plötzlich eine Art Ersatzlehrer sein zu müssen UND noch seinem Home Office Job nachzukommen.

Es fehlen Zahlen dazu, wieviele Menschen trotz der „Social Distance“ Anordnung dennoch jeden Tag zur Arbeit gehen, weil man leichtsinniger Weise diese Entscheidung den Unternehmen selbst überlassen hat, Mitarbeiter im Home Office zu belassen. Das bedeutet jeden Tag treffen sich derzeit Menschen an ihren Arbeitsplätzen, geben sich das Virus eventuell über die gemeinsam genutzte Kaffeeküche und Sanitäranlagen weiter und tragen so nicht zum Containment sondern zum Gegenteil bei.

Es fehlen Zahlen dazu, wieviele der Leute die erkranken zuvor weiter ihre Arbeitsplätze aufgesucht haben, und wieviele zuvor Home Office gewahrt haben.

Es fehlen Zahlen dazu, wieviele ältere Menschen derzeit insgesamt z.B. allein leben oder in einem Pflegeheim, und damit durch soziale Isolationsmaßnahmen in eine gefährliche Isolationslage rutschen.

Es fehlen Zahlen zu dem Gemütszustand der Bevölkerung nach bereits über 2 Wochen Lockdown. Welcher Prozentanteil kommt gut damit zurecht, wer kommt gar nicht damit klar, wie verhält es sich mit Singles vs. Paaren?

Es fehlen Zahlen dazu wie gut unsere Gesellschaft alle Mitglieder angemessen mit Informationen versorgt bekommt. Wir wissen alle, dass die Medienlandschaft in den letzten 20 Jahren zerfasert ist und jeder seine Nachrichten aus zig Kanälen beziehen kann. Wie gut erreichen die von der Regierung bespielten Kanäle die Allgemeinheit?

Es fehlen Zahlen dazu wieviel Wissen die Gesellschaft hat, ein gerüttelt maß an Hygiene tatsächlich zu praktizieren. Ist jedem klar, wie man sich richtig Hände wäscht? Wieviele wissen das nicht und brauchen daher eine Aufklärung zu dem Thema?

Es fehlen Zahlen dazu, wie gut der Handel mit seinem Warenfluss mit der Situation zurecht kommt. Gibt es eine Versorgung die stabil bleiben wird oder ist diese durch irgendwas gefährdet? Gibt es eine Ansage zur preisstabilität für Nahrungsmittel? Das ist gerade vor dem Hintergrund des Einkommensverlustes bei vielen eine Schlüsselfrage.

Es fehlen Zahlen dazu, wie es den genesenen Patienten geht. Wieviele haben dauerhafte Schäden davongetragen? Wieviele Erkrankte werden aktuell in den Kliniken behandelt und sind auf Life-Support angewiesen? In welchen Regionen bestehen freie Kapazitäten, um eventuell Nachbarländern helfen zu können?

Hier nun mein der Versuch einige echte Probleme zu erfassen. Ich möchte auf Dinge eingehen, die wir nicht mehr „sehen“, weil wir alle wie gebannt auf diese magisch-düstere Zahlenwelt blicken und nicht wissen was wir damit anfangen sollen.

Leben, Lieben, Arbeiten, Einkaufen, aber mit Firewall-Hygienelevel

Die eigentliche Herausforderung, das eigentliche Problem vor dem wir stehen lässt sich meiner Ansicht nach wie folgt beschreiben: Wie können wir unser Leben, unsere Arbeit, unsere Liebe und Soziales, all unseren Warenumschlag so gestalten, dass wir die Gefahren der Weitergabe des Virus minimieren?

Wie gestalten und etablieren wir die nötigen Firewall-Hygienelevel in jedem unserer Lebensbereiche? Mit welchen Mitteln? Was gibt es da z.B. für Alternativen den Verkauf von Lebensmitteln und Gütern des täglichen Gebrauchs, wie z.B. Kleidung und Nahrung so sicher zu organisieren, dass wir nicht die aktuellen Einkommensverteilungsmechanismen unserer Gesellschaft komplett abschalten und zerstören ohne eine Alternative dafür zu haben?

Es muss doch z.B. möglich sein, dass wir das Risiko einer Infektion im Supermarkt dadurch verringern, dass wir z.B. eine Einkaufsliste abgeben, und dann später kommen und das abholen und nicht infizierte Mitarbeiter fassen als einzige die Waren und Taschen und Lebensmittel an.

Es gibt ganz sicher einen Weg, wie mein Buchladen um die Ecke seine Bücher hygienisch auf neuem Level verkaufen kann. Für den Anfang könnte man es erstmal darauf beschränken, dass kein Kunde mehr die Bücher selbst anfasst. Klappentexte könnten durch die Verkäuferin geöffnet und vorgelesen werden. Ja, das ist beschwerlicher, aber sicher. Bevor der Laden zu machen muss sicher eine Einschränkung mit der man leben könnte.

Ohne Arbeit kein Einkommen im Kapitalismus

Unsere Gesellschaftsform ist (ob wir das nun wahrhaben wollen oder nicht) abhängig vom Kapitalismus geworden. Wir können das nicht mal eben so ändern ohne krasse Verwerfungen zu erleben. Der Zeitpunkt wird kommen, aber vermutlich wird es noch dauern bis das System auch irgendwann vollends kippt. Ich persönlich warte da schon seit über 15 Jahren drauf, aber die Welt hat einfach immer größere Schulden gemacht. Jetzt kommen wir langsam in Bereiche, wo die Schuldenbremsen (die ohnehin nur das tempo des Schuldenmaches kontrollieren sollten) gelockert werden, und damit allen klar ist, dass das System am Ende ist.

Corona Bonds ist das Schlagwort der Stunde. Bedeutet, wir machen Schulden… der Staat leiht sich Geld bei seinen Bürgern (für feste Zinszahlungen im Gegenzug), um den Bürgern dann Kredite z.B. über die KfW anbieten zu können. Es entbehrt nicht eines gewissen Zynismus, dass man Feuer mit Feuer bekampft. Es ist mehr die Sucht eines Drogensüchtigen, der jetzt eine große Dosis benötigt, um von der ganzen Misere abzulenken.

Wir haben seit Jahrzehnten akzeptiert, dass Einkommen ausschließlich über Arbeit verteilt werden. Wenn man dieser Arbeit nicht mehr nachgehen kann, hat man kein Einkommen mehr, das ist einfach. Zwar haben wir Bypässe gelegt zu diesem brutalen System die dann so tolle Namen wie „Hartz 4“ tragen, aber der Fakt bleibt. Wir haben zugleich akzeptiert, dass jeder über sein Einkommen selbständig verfügen und entscheiden sollte und damit die für ihn persönlich wichtigen Dinge selbst regeln und bezahlen soll, z.B. Wohnung, Krankenversicherung, Nahrungsmittel um mal die drei wichtigsten Posten zu nennen.

Wenn wir jetzt der Gesellschaft die Einkommen entziehen (weil sehr vielen die Arbeit entzogen wird, weil sie gefeuert werden), dann rührt das an den Grundlagen der Existenz jedes Einzelnen. Das Überleben ohne Einkommen ist im Kapitalismus nur begrenzt möglich. Wohnen, Krankenversicherung und Nahrung sind nur über Einkommen zugänglich. Wer also nicht direkt beim Staat angestellt ist und sein Einkommen garantiert bekommt, der steht in Kürze ganz doof da.

In der Krise sollten sich Werte bewähren

Wenn ich mir die Medienlandschaft und die Sprache in letzter Zeit anschaue, dann schaudert es mich. Es tauchen vermehrt Ansichten auf, die bereitwillig noch mehr Freiheitsrechte und Grundrechte opfern würden, um die Krise loszuwerden. Gleichsam wie in den kultischenRitualen vergangener Zivilisationen ofern wir Grundrecht über Grundrecht und Freiheit über Freiheit auf dem Altar der Krisenbewältigung in der Hoffnung es möge etwas bewirken.

Aktuell geht es darum den Aufenthaltsort und Kontakte der Menschen zu tracken oder zu trace’n. Es soll bald eine App geben die das tut. Gleichzeitig reichen Gesundheitsämter vertrauliche Daten über Infizierte an die Polizei weiter und brechen damit grundlegende Zusicherungen an Datenschutz. Offenbar meinte jemand das sei schon okay, dieses Grundrecht zu opfern. Das Verhalten bleibt offenbar folgenlos für die betroffene Behörde.

Gerade jetzt in der Krise sollten wir uns doch unsere Werte als Orientierung hernehmen und über Lösungen nachdenken, die unsere Werte schützen und erhalten. Stattdessen beobachte ich eine große Bereitschaft, ohne Nachzudenken Werte einfach mal wie in einem religiösen Ritual zu opfern. Der einzige gegenwert des opfers: Hoffnung.

Warum schaffen wir nicht unsere eigene Welt der Hoffnung in Übereinstimmung mit unseren Werten, die uns als Menschen ausmachen und vom Raubtier unterscheiden? Warum stecken wir nicht mehr Energie in Überlegungen wie ich sie oben versucht habe anzustellen? Lasst uns doch mal drüber nachdenken, wie wir diese Krise als Chance nutzen können.

DIY-Hoffnung und Chancen der Situation

Ganz offensichtlich sind in dieser pandemischen Situation einige Menschen die bis dato als Blockierer in Erscheinung traten, plötzlich bereit sich mit Alternativen zu beschäftigen. Zum Beispiel Universitäten, die bislang Prüfungen per Videokonferenz nicht mal in Erwägung gezogen haben, weil einfach alles auf bestehende Präsenzstrukturen ausgerichtet ist. Schulen bemerken, dass ihnen die gesamte Erfahrung und die Tools fehlen, um auch ohne den Klassenraum in Kontakt zu bleiben. Hilflose Notlösungen aus WhatsApp-Gruppen treten an die Stelle jahrelang blockierter Lösungen. Der Digitalpakt Schule ist ein bürokratisches Monster geworden. Statt jeder Schule eine sinnvolle und erprobte Lösung hinzustellen, soll jede Schule ein eigenes Konzept einreichen. Welcher Schulleiter und welcher Lehrer hat dafür die Zeit und das Fachwissen? Was für ein Fail!

Vielleicht ergreifen nun Personen, die bislang eher durch eine unerschütterliche Blockadehaltung auffielen, die Chance zum Wandel und verpassen ihrem Wirkungsumfeld eine passende Dosis Kommunikationsmittel, die auch eine ortsungebundene Durchführung von Tätigkeiten erlauben, und somit einen Vorteil der Digitaliserung nutzen. E-Learning scheint vor einer Renaissance zu stehen wenn diese Krise dazu genutzt wird.

Zugleich könnten wir auch einmal den Blick auf unseren Wandel im Warenverkauf richten. Wollen wir weiter hinnehmen, dass Amazon zum Rückgrat unserer Versorgung wird. Wollen wir Amazon einfach alles kampflos überlassen? Gibt es keine europäische Antwort auf den Vertriebsriesen? Könnte IT den lokalen Raum nicht auch stärken und zugleich ein einträgliches Geschäft sein?

Und was ist mit den ganzen verdrängten Krisen?

Pflegekrise, Bildungskrise, Klimakrise, Schulden- aka Finanzkrise, Korruption in Macht & Politik (z.B. die nie gewählte EU Kommissionspräsidentin v.d.Leyen, der Steuergeldveruntreuende Andreas Scheuer), Demokratiekrise, Europakrise, Flüchtlingskrise, …

Wir brauchen einen DIY-Hoffnungsausblick der deutlich über die Corona Pandemie hinausreicht, denn die eigentliche Krise ist die Kapitalismuskrise bzw. dessen herannahendes Ende.

Wir brauchen Gegenentwürfe zu Krankenhäusern als Profitcenter, und wir brauchen Gegenentwürfe zu Hausärzten als Fallpauschalendurchschleuser und Medikamente sind kein Spekulationsobjekt sondern eine Erfindung die der Menschheit insgesamt zu Gute kommen muss.

Wir brauchen Alternativen zu einem ÖPNV, bei dem der Weg zur Arbeit und zurück soviel Geld kostet wie zwei Brote oder eine Packung Zigaretten, der Parkraum für das SUV in der Wohnstrasse jedoch gratis ist und es dicke Förderprämien für die Anschaffung von Automobilen gibt (Abwrackprämie, E-Auto-Prämie, etc.) sowie kostenlosen Strom für die PKW.

Wir brauchen stattdessen einen Umbau unserer Städte in Fußgängerfreundliche und Fahrradfreundliche Lebensräume, eine Förderung der Anschaffung von Fahrrädern und der Abschaffung von Parkraum. Allein schon um die Feinstaub und Stickstoffbelastungen der Stadtluft zu verringern.

Wir brauchen Alternative Entwürfe zu einem Bildungssystem das nur noch akademische Lehrpläne reproduziert und stattdessen benötigen wir Orte der Zusammenkunft in denen gelernt wird warum Lernen Spass macht, in denen man sich mit der echten Welt beschäftigt mit unstrukturierten Problemen voller Ausnahmen. Die Bildung muss raus aus ihrer akademisch geprägten Blase in der es nur um wohldefinierte Probleme geht, die aber an der Realität vollkommen vorbei gehen.

Wir brauchen eine Aufklärung über die dunklen Mechanismen des Kapitalismus. Wir müssen darüber aufklären welche Rolle das Geld spielt in diesem Sytem. Wir müssen erklären, welches Geschäftsmodell Versicherungen zugrunde liegt und wie das unser aller Leben beeinflusst.

Wir brauchen eine Finnanztransaktionssteuer auf Hochfrequenz-Handelsvolumen. Auf alle Finanzderivate und alle Börsenhandlesformen die nicht unmittelbar verbriefte Anteile an Unternehmen handeln.

Wir brauchen eine massive Nachhaltigkeitswende, in der wir uns von Plastikprodukten & -abfällen endgültig verabschieden und stattdessen Langlebigkeit von Gütern und ein Recht auf Reparatur gesetzlich verankern mit passenden Garantieregelungen.

Wir brauchen endlich eine massive Aufklärung und Diskussion darüber, dass wir derzeit unsere aller Glück von der Verteilung der Einkommen über Arbeit abhängig machen. Konzepte wie ein bedingungsloses Grundeinkommen könnten eine Renaissance des 21. Jahrhunderts auslösen, wenn wir uns endlich vom Wachstumszwang und quantitativem Wachstum lösen und stattdessen in qualitatives Wachstum und die Köpfe unserer Gesellschaft investieren.

Krise ist eine Ausnahmesituation: Don’t try to be perfect in a crisis.

Nicht zuletzt ist diese Krise eine ganz persönliche Challenge für jeden Einzelnen von uns. Eine Prüfung, ein Stresstest für unsere Zuversicht in die Zukunft. Entsprechend sorgsam sollte man mit sich selbst in dieser Krise umgehen.

Why do I blog this? Ich bin es leid mit ansehen zu müssen wie gerade ein Zeitfenster aufgeht, das möglicherweise ungenutzt wieder verschwinden und sich schließen wird. Ein mögliches Zeitfenster für Veränderungen. Wenn wir Pech haben, dann holt ausgerechnet(!) ein Sozialdemokrat die Kriegsrethorik raus und entscheidet sich für die „ganz große Bazooka“ um das Problem mit Gewalt zu lösen statt mit Verstand. Es schmerzt mich zu sehen wie völlig offensichtlich inkompetente Entscheider in der Politik die Chance in diesem Zeitfenster nicht zu erblicken in der Lage sind. Hoffen wir dass noch irgendwer mit Grips in der Birne in der Regierung die Gunst der Stunde sieht und endlich anfängt über Corona/Covid-19 hinauszudenken.

Gemeinnützig ist was nicht den Staat kritisiert

Wir befinden uns gerade auf dem besten Weg in die Gleichschaltung der Zivilgesellschaft. Vereine bekommen jetzt einen Maulkorb verpasst über die Strafmaßnahme des Gemeinnützigkeitsentzugs.

Wer hätte gedacht, dass die SPD in ihrer Zuständigkeit derzeit für das Bundesfinanzministerium, den Steigbügelhalter für Nazis macht, indem man Vereinen, die sich politisch oftmals unbequem äußern und tatsächlich etwas für die Zivilgesellschaft bewegen, die Gemeinnützigkeit und damit die Steuerbefreiung entzieht?

Skandal

Wer sich als gemeinnütziger Verein politisch äußert, der kann die Gemeinnützigkeit verlieren. Nichts anderes ist es, was die Finanzämter derzeit mit Bezug auf das attac-Urteil grade durchziehen. Als erstes kommt einem da erstmal Artikel 5 Grundgesetz zur Meinungsfreiheit in den Sinn:

Artikel 5 Grundgesetz
Aktuell
(1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.
(2) Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre.
(3) Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue zur Verfassung.

Doch neben dem Angriff auf die Meinungsfreiheit, gehen die Finanzämter noch einen Schritt weiter und erkennen die Gemeinnützigkeit insbesondere auch deshalb ab, wenn ein Verein die Aufnahme von Nazis als Mitglieder ablehnt. Das haut dem Fass den Boden raus. Siehe auch Radiointerview mit Frauke Distelrath von attac zum Verlust der Gemeinnützigkeit von gemeinnützigen Organisationen

Nazis fördern, Wadenbeißer ruhigstellen mit Maulkorb

Erstaunlich ist in diesem Zusammenhang, dass derzeit auffällig viele Vereine die sich sozial und bürgerrechtlich stark engagieren ihre Gemeinnützigkeit abgesprochen bekommen. attac und campact zum Beispiel setzen sich für mehr Demokratie ein und erleichtern dem normalen Bürger sich einzubringen bei z.B. kritischen Entscheidungen der Politik wie z.B. den internationalen Handelsabkommen wie zum Beispiel TTIP und CETA haben sie erfolgreich Millionen Bürger mobilisiert. Beide Vereine sind also höchst erfolgreich in dem was sie tun und das scheint der Politik ein massiver Dorn im Auge gewesen zu sein. Daher hat vermutlich noch unter Sigmar Gabriel der Kampf hinter den Kulissen begonnen gegen diese beiden Vereine.

Weil der Staat gerade diese Vereine hart treffen wollte, ließ man ihnen kurzerhand die Steuerbefreiung entziehen. Doch in dieser Sache ist das letzte Wort noch nicht gesprochen, denn attac geht damit vor das Verfassungsgericht und wird meiner Ansicht nach allein schon mit Bezug auf Artikel 5 GG haushoch gewinnen.

Why do I blog this? Es ist absolut unverantwortlich, zivilgesellschaftliches Engagement nur weil einem die Kommentare un Meinungen nicht gefallen, mundtot zu machen mit der Drohnung der Aberkennung der Gemeinnützigkeit. Das ist faktisch eine Einschränkung der Meinungsfreiheit mit massiven Chilling-Effekten. Eine Demokratie die lebhaft sein soll und sich gegen z.B. Nazis zur Wehr setzen möchte, muss auch Vereine aushalten, die sich zu politischen Fragen politisch äußern. Mir scheint, die Bundesregierung wird immer dünnhäutiger.