Ich war dieses Jahr (mal wieder) nicht auf dem Chaos Communication Congress. Aber ich habe zwischen den Feiertagen ein wenig Talks geschaut und/oder die Podcasts des Sendezentrums ein wenig verfolgt.
Viele Tickets. Viele Menschen.
Ich hörte relativ schnell von etwa 16500 Teilnehmenden am 39c3. Das ist für mich eine abschreckend große Zahl muss ich gestehen. Im Vergleich vom 26c3, den ich erstmals besuchte damals im Berliner BCC, ist das die fünffache Menge an Menschen und 3000 fand ich ehrlich gesagt schon reichlich viel.
Wenn Dinge groß werden geht etwas verloren. Für mich sind Camp und Congress sehr sehr groß geworden. Zu groß als dass ich die volle Veranstaltungszeit dort verbringen könnte. Ich bedauere es daher, dass es keine Tagestickets mehr gibt. Für einen Tag wäre ich sehr gerne einmal rumgekommen: Leute treffen. Gemeinsam eine Mate trinken. Paar Lightning Talks schauen. Gut, Engeln wäre da halt bei einem Tag Aufenthalt eher nicht so drin.
Leider sind Tagestickets beim aktuellen Congress Format nicht mehr vorgesehen. Ich find es schade, denn es macht den Zugang schwieriger und auch deutlich teurer, wenn man ein Ticket und Unterbringung im Hotel für die ganze Veranstaltung braucht. Auch ist es eben nicht für jeden kompatibel bereits am 26.12. den familiären Weihnachtskontext zu verlassen. Ich verstehe, dass da vermutlich finanzielle Überlegungen dahinter stehen, warum es nur noch Volltickets gibt. Trotzdem finde ich es schade, denn Ticket plus Hotel für diese Zeit sind einfach sehr, sehr teuer. Man könnte ja Tagestickets mit fester Tagesbindung auch im Vorfeld bereits verkaufen, somit gäbe es auch finanzielle Planungssicherheit wenn man das wollte.
Veranstaltungen
Einige der Talks habe ich LIVE im Stream geschaut. Das hat wieder einmal bestens funktioniert. Das Re-Live brauchte man fast gar nicht, weil die Sachen meist schon nach serh kurzer Zeit in den Releases zu finden waren. So schnell ist das noch nie gegangen, das fiel mir positiv auf.
– Waschmaschinen (da habe ich eine Menge gelernt, wie so eine Waschmaschine funktioniert. Toll!)
– Cory Doctorow (Der Talk hat mir eine vor allem geopolitisch neue Sicht auf die Entwicklungen gegeben und eine tolle Erzählung angeboten)
– Nico Semsrott (Dieses PRÜF finde ich sehr respektabel und die Gesänge fand ich sehr schön ansteckend)
– Der Dialog/Podcast mit Reiner Mühlhoff im Sendezentrum u.a. zu AI.
– Der Talk aus den USA zu den geostationaeren Satelliten (leider fehlten Slides… warum??)
Andere Talks sind jetzt bei mir nicht so sehr hängen geblieben. Einige Talks habe ich kurzerhand abgebrochen wegen schlecht aufbereiteter Slides oder permanentem „Ähm“-sagen in jeder kleinen Sprechpause, oder weil Leute so hastig gesprochen haben, dass sie das Luft holen vergessen haben. Solche Talks guck ich halt einfach nicht mehr, weil mich das stresst. Wer sich nicht die Mühe gibt seine Inhalte ordentlich aufzubereiten oder mal einen Probelauf zu machen, der hat auch meine Aufmerksamkeit nicht verdient. Mein Anspruch an mich selbst wenn ich da auf der Buehne stehen wuerde, waere zumindest meine Slides vorher getestet zu haben. Wer das nicht hinkriegt, den kann ich eigentlich nicht mehr ernst nehmen. Niemand wird gezwungen einen Talk zu geben. Wenn ihr einen haltet, bereitet den halt ordentlich vor.
No Fomo
Ich muss sagen ich hatte dieses Jahr eigentlich gar kein Fomo (Fear of Missing out). Das ist einfach so eine Feststellung. Sonst war ich immer schon hibbelig, dass der Congress los geht. Aber dieses Jahr bin ich da tiefenentspannt gewesen. Als ich irgendwo dann noch „10 Jahre nach Dieselgate“ gelesen habe, dachte ich mir nur „Ein Slide. Niemand wurde dafuer zur Rechenschaft gezogen. Wird wohl ein Lightning Talk sein.“
Cryptoparty 2.0
Was ich nicht auf dem 2025 BINGO Zettel hatte, war die Neuauflage der Cryptopartys als „Digital Independence Day“. Den Namen finde ich eher so mittelgut (und auch andere aus meinem Umfeld finden den nicht wirklich pralle), weil er mir zu viel Konnotation zu US-amerikanischer Geschichte enthaelt.
Vorschlaege:
- Open-Choice-Tag
- Reboot zur Freiheit
- Cloud Exit Day
- Tag der digitalen Freiheit
- Tag der digitalen Selbstermächtigung
- Tag des digitalen Ausstiegs
Die Idee dahinter finde ich sehr gut. Da steht fuer mich vor allem die aufklaererische Funktion der Hackerspaces bzw. CCC Erfas im Vordergrund. Es ist schliesslich auch zentrales Vereinsanliegen, hier durchaus kritische Allgemeinbildung anzubieten fuer den digitalen Bereich.
Ich weiss nicht ob von diesem „DI.DAY“ mehr bleiben wird als ein leiser Nachhall. Es erfordert einfach sehr viel Engagement, wenn man ein dauerhaftes Bildungs- und Beratungsangebot machen moechte. Das widerum erfordert Leute die ihre kostbare Zeit dafuer hergeben, Raeume in denen man das umsetzen kann und Bekanntmachungen so dass man da auch gefunden wird. Erfahrungsgemaess ist es schon schwer genug, Menschen einmal in der Woche in den Hackerspace zu bekommen. Die Menschen die dann zu solchen Events kommen, sind oft relativ alte Menschen (ist ein Fakt, den ich mit jeder Menge Erfahrung aus unserer Linux User Group belegen kann), weil die sich einerseits digital abgehaengt fuehlen und daher Handlungsdruck haben, diese Termine oftmals gerne verwechseln mit einem kostenlosen Computerservice (aka „Irgendwas geht an meinem Computer nicht so wie es soll, kannst du dir das mal anschauen?“) und die massig Zeit haben und auch gerne Zeit von Mitgliedern binden. Ich bin da nicht so optimistisch grade, dass man mit diesem DI.DAY die Zielgruppe trifft, die man erreichen moechte.
Why do I blog this? Am meisten hat mich wirklich ueberrascht, dass es nun diesen DI.DAY geben soll. Das kommt jetzt ganze 10 Jahre nachdem Edward Snowden aufgedeckt hat, was in unseren Netzen los ist. Aber am 29c3 30c3 liess man die Chance verstreichen, ein aktivistisches Motto zu waehlen. Stattdessen war man „sprachlos“. Jetzt, ganze 10 9 Jahre spaeter kommt so ein Aufruf zustande? Ich habe zwischenzeitlich selbst versucht an einer validen Loesungsidee zu arbeiten, aber leider kein Foerdergeld dafuer bekommen, so dass ich mich eben doch wieder klassischer Lohnarbeit zugewandt habe, weil ich leider nicht in privilegierten Verhaeltnissen mit grossem Erbe, eigenem Haus und sozialer Sicherheit lebe.
Wir (die Chaos Community) sind gemeinsam in der Lage zu den Camps unterhaltsame, lustige und technisch anspruchsvolle elektronische Gadgets zu realisieren, die bunte Lichter haben und lustige Geraeusche machen, sogar eine absolut abgefahrene Smartwatch („Card10“) mit EKG-Funktion wurde hier entwickelt und umgesetzt. Wieso bekommen wir es nicht hin unsere eigene, sichere Kommunikationshardware und -software zu bauen? Stattdessen stecken wir unsere Energie in solche Gadgets die dann bei 95% der Teilnehmer hinterher in der Elektronikkiste verstauben (Das Rad10 nicht, das nutze ich immer noch regelmaessig, weil es dafuer eine gute Desktop Software gibt.)?
Die Antwort die nun 10 Jahre nach Snowden kommt, erscheint mir unausgegoren und lediglich ein Strohfeuer, weil sie die Erfas nicht wirklich abholen kann. Mir fehlt der Zuendfunke, der hier nachhaltig etwas verbessert und eine lang anhaltende Initiative entzuendet die lange brennt und wirkt. Es gibt keine gute Loesung in einem durch und durch kaputten System. Man kann den grossen Betriebssystemen schlicht und einfach nicht mehr trauen, weil der General Purpose Computer auf dem Rueckzug ist und unsere Smartphones alle einen Kill-Switch haben der aus den USA betaetigt werden kann. Warum entwickeln wir also nicht eine ernsthafte, eigenstaendige Loesung statt so lustiger Gimmicks?
Meine Vermutung ist: Wegen der fehlenden finanziellen bzw. wirtschaftlichen Sicherheit. Wenn jemand meine Miete und Krankenversicherung und die anderen Kosten uebernehmen wuerde, koennte ich meine Zeit tatsaechlich in soetwas stecken. Aber so (ohne diese Sicherheit), muss ich meine Lebenszeit weiter gegen Geld eintauschen um ein einigermassen angenehmes Restleben in der „Freizeit“ zu haben und meine Familie zu ernaehren. Nur wenige koennen sich das leisten diese Zeit „einfach mal so“ aufzubringen. Wenn man daraus ein gewinnorientiertes Startup-Unternehmen machen moechte, dann laeuft das der Idee allerdings bereits zuwider, denn da steigt schnell die Gefahr, dass die Community die Kontrolle ueber die Loesung verliert und stattdessen dank ein paar Gluecksrittern mit Patenten und betrieblichem Eigentum der naechste Krieg verloren geht an ein Unternehmen. Wir stecken in der selbstgebauten Falle des Kapitalismus. Gemeinnutz wird ohne passende Abwehrmechanismen sofort von kapitalistischen Interessen besetzt, neutralisiert, vereinnahmt und zu Geld gemacht.
Das ist das eigentliche Problem, dass meiner Meinung nach geloest werden muss! …ach so, ja, verbloggt hab ich das, weil ich da aus Tradition gerne meine Sichtweise zum Congress teilen mag. Gefuehlt gibt es da immer weniger auffindbare oeffentlich geteilte Meinungen zu zu lesen. Das finde ich schade, denn es laesst auch ein Potenzial liegen zur Weiterentwicklung.