404 Not Found – Demenz des Web oder gesunde Gehirnfunktion?

Das wäre eine spannende Frage, oder? Wieviel vergisst so ein menschliches Gehirn so durchschnittlich pro Tag? Hat das schonmal wer gemessen? Zählt da auch das Verdrängte dazu? Ab wann gilt das als vergessen bei eine temporären Amnesie z.B. auch schon? Fragen über Fragen.

Nein, aber der Anlass für diesen Post ist ein Beitrag von Jochen Dreier mit dem Titel „404 Not Found: Die verlorenen Inhalte des Internets“ im Bereich Netzkultur in einem Blog des ZDF. (Hab ich grade ZDF geschrieben!!??) Verwunderlicherweise beherrscht das ZDF offenbar mittlerweile das Verlinken. Da sind sogar nützliche Links zur Wikipedia enthalten ich bin schockiert. Das stellt mein Bild von diesem Zwangs-PayTV-Kanal zumindest so für ein paar Minuten in Frage, denn ohne den Zusatz „Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich“ geht es natürlich auch diesmal nicht. Oh man, wie lange brauchen die da eigentlich noch bis sie das netz verstanden haben? Wie kann man Verantwortung für etwas haben, das auf einem fremden Server liegt und auf das man nur Verlinkt??? *kopfschüttel*

Der Herr Dreier verweist zum Beispiel auf eine Situation die uns noch bevorstehen könnte, das Digital Dark Age (also das dunkle Mittelalter des Internet), das man wie folgt beschreibt (bezeichnender Weise hat das in D noch nichtmal begonnen, in deutsch gibts den Artikel in der Wikipedia nicht):

The digital dark age is a possible future situation where it will be difficult or impossible to read historical electronic documents and multimedia, because they have been stored in an obsolete and obscure file format. The name derives from the term Dark Ages in the sense that there would be a relative lack of written record.

In dem Text wird Bezug genommen auf einen ziemlich spannenden Artikel: „Losing My Revolution: How Many Resources Shared on Social Media Have Been Lost?“ als PDF von Hany M. SalahEldeen and Michael L. Nelson (Old Dominion University, Department of Computer Science). Darin geht’s um die Rate des Vergessens des Netzes und die Haupterkenntnis ist eine Vergessensfunktion:

[…] we found a nearly linear relationship between time of sharing of the resource and the percentage lost, with a slightly less linear relationship between time of sharing and archiving coverage of the resource. From this model we conclude that after the first year of publishing, nearly 11% of shared resources will be lost and after that we will continue to lose 0.02% per day.

Also 0,02 Prozent der Inhaltes des netzes gehen jeden Tag verloren. Gut, jetzt muss man nur noch dagegenstellen, wieviel denn jeden Tag dazu kommt (zumindest wieviele Nutzer jeden Tag dazukommen weiß man). So alt ist dieses WWW auch noch nicht und die Geschichte bleibt spannend und wird jeden Tag neu geschrieben. Ein tolles Hilfsmittel gegen Vergessen ist das Backup neudeutsch auch Datensicherung genannt! Oft zitiert, weithin unterschätzt. Und auch der mySQL-DUMP (hier, hier und hier) der hilft auch z.B. hat der dieses Blog erst kürzlich vorm Vergessen bewahrt. Aber immerhin war der Inhalt auch 3 Jahre lang nicht mehr im Netz. Da half dann nur noch die Wayback Machine.

Meine Ansicht dazu: Vergessen ist menschlich, um nicht zu sagen natürlich. Wie Geburt und Tod hält sich das ungefähr im Gleichgewicht, wenn es ideal läuft bzw. ohne Tod und Zerstörung ist halt kein Platz für Neues in einem begrenzen Raum. Und so ein Gehirn kann eben nicht unbegrenzt speichern bzw. das dürfte ziemlich ungesund sein auf Dauer. Etwas ganz anderes ist es, dass einige momentan genau das versuchen im Netz: Alles für immer und ewig zu speichern allerdings nicht etwa wertvolle kulturelle Errungenschaften, sondern Vorratsdaten zur Überwachung jedes Einzelnen durch den Staat mittels eines Narus Device. Da beginnt man sich dann auch zu fragen: „Wie nennt man eigentlich Menschen, die an einer Krankheit leiden, deren Symptom dadurch gekennzeichnet ist, dass sie nichts mehr vergessen können und wollen einerseits und vor allem dieses stasimäßige Protokollieren der Dinge die ANDERE tun zu ihrer Maxime erheben?“

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