Social Networking Plattformen im Kampf ums digitale „Ich“

Der Film ist zwar schon älter, und auch die darin vorkommenden Dienste wirken schon recht alt, aber dennoch ein schöner Film, der zeigt, wie vor allem die Dienste, die das Wort „social“ im Untertitel führen, eigentlich eher dafür sorgen, dass man sich um die Dienste kümmert und nicht die Dienste sich um den Nutzer kümmern.

Das scheint im Prinzip auch schon eines der wichtigsten Prinzipien der 2.0-Ära zu sein, wir bedienen die Dienste und nicht umgekehrt, oder auch das AAL-Prinzip.

Why do I blog this? Wie füttern Daten ein, damit der Dienst überhaupt etwas leisten kann. „Social Computing“ bezeichnet derzeit eigentlich das massive „sich kümmern“ um eine Maschine bzw. einen Dienst. Zumindest mal ein Anstoß zum Wochenende… zum Nachdenken über Xing, StudiVZ, SchuelerVZ, facebok, myspace & Co.

Nonverbale Kommunikation: Chronemik

Bedingt durch meine Dr.-Arbeit (im April abgegeben) habe ich mich ja intensiv mit Proxemik beschäftigt. Doch Proxemik ist nur eine interessante Form der nicht-verbalen Kommunikation. Während man bei der Proxemik durch Distanzen und Distanzveränderungen kommuniziert, bezeichnet die Chronemik Kommunikation durch Zeitdistanz und Zeitdistanzveränderung. Chronemik beschreibt u.a. die Bedeutung der zeitlichen Dimension in der nonverbalen Kommunikation, die kulturellen, sozialen und psychologischen Aspekte der Zeit im zwischenmenschlichen Miteinander. Wie kann man sich das vorstellen?

chronemik_helge.gif

Zum Beispiel, wenn ich auf eine mit dem Handy empfangene SMS nicht sofort eine Antwort-SMS versende, dann kommuniziere ich bereits durch die verstrichene Zeit bis zur Antwort etwas. Ähnliches gilt für E-Mail, wenn ich auf eine E-Mail sofort antworte, bedeutet das meist, dass ich den Adressaten der E-Mail besondere Schätzung entgegenbringe. Eine Antwort nach 24 Stunden ist meist im Rahmen des Üblichen und wenn man erst nach einigen Tagen antwortet, muss man sich schon fast entschuldigen. Der wartende Adressat am anderen Ende der Leitung interpretiert die Wartezeit einfach irgendwie, ohne, dass man etwas dagegen tun kann. Kommunikation findet also statt, auch wenn man nichts tut. Gerade das Nichtstun kommuniziert dann etwas.

Chronemik ist von daher ein sehr interessantes Gebiet. Gerade durch die vielen neuen technischen Wege der Kommunikation gewinnt Chronemik an Bedeutung, denn ob ich nun in Skype, Twitter, AIM, in Seesmic mit Videobotschaften, in einem Diskussionsforum mit Text, im E-Mail-Client oder per iPhone kommuniziere, die verstrichene Antwortzeit wird von jedem Kommunikationspartner unausweichlich interpretiert. Weitere Interessante Aspekte zur non-verbalen Kommunikation und zur Chronemik gibt es z.B. hier.

So gesehen sind Proxemik und Chronemik eigentlich die idealen Partner nicht-verbaler Kommunikation. Während Proxemik „echte“ Raumdistanz thematisiert kümmert sich Chronemik um Zeitdistanz. Mit Raum + Zeit werden also alle vier Dimensionen (3 Raum + 1 Zeit) in puristischer Form für die Kommunikation thematisiert.

Update 26.5.2013
Thomas_Jerome_BruneauZur Chronemik gibt es einige interessante Veröffentlichungen, die oftmals rund um Kommunikationswissenschaften oder die Semiotik kreisen.

Eine Publikation die dazu sehr passend ist, ist Chronemics: The Study of Time in Human Interaction von Thomas (Tom) Jerome Bruneau (weitere Seite). Er ist leider 2012 verstorben. Ein Nachruf ist bei der Japan-U.S. Communication Association zu lesen.

Zum Thema Nonverbale Kommunikation hat Bruneau zwei klasse Abschnitte eines Businessbuches geschrieben: „Principles of Nonverbal Communication“ und „Types of Nonverbal Communication“, die ich beide für sehr lesenswert erachte.

Dank Andy Schmitz, der das Buch quasi befreit hat, ist es seit Dezember 2012 unter der Creative Commons by-nc-sa 3.0 lizensiert und darf damit weitergegeben werden. Der Herr Schmitz leistet eine ganz tolle Arbeit in Sachen Buchbefreiung mit seinem Book Archive 2012 (wobei da mehr dahinter steckt…). Diese Passion ist übrigens Aaron Swartz gewidmet, dem ich auch kürzlich einen Post im Gedenken widmete.

graph_sketchZudem hat Schmitz eine wirklich tolle Plotter Software/Webseite geschaffen namens Graph Sketch, mit der man z.B. mal eben eine oder mehrere Funktion(en) und ihren Kurvenverlauf plotten kann. Hier schreibt er selbst ein wenig mehr über die Software.

the_time_dimensionEin weiteres interessantes Buch scheint eine Zusammenstellung eines Schülers von Bruneau darzustellen. The Time dimension: an interdisciplinary guide von T. K. Das; einen vollen namen dieses Herren konnte ich nicht ausfindig machen. Sein Vor- und Nachname scheinen aus je einem Buchstaben zu bestehen, sein buch besteht offenbar aus deutlich mehr Zeichen.

Why do I blog this? Naheliegenderweise ist unsere nonverbale Kommunikation also auch durch die sogenannte Raumzeit und ihre schlichte Existenz bestimmt. Das Nachdenken über Raum und Zeit beschäftigt mich immer mal wieder vor allem in Bezug zur Proxemik und der Kommunikation hab ich festgestellt, dass sich Proxemik nicht ohne Zeitdimension beschreiben lässt. Andererseits lässt sich keine einzige Raumdistanz überwinden, ohne dafür Zeit zu benötigen. So kann man sich bereits „im Kleinen“ klar machen, das Raum und Zeit untrennbar miteinander verwoben sind, eben in der „Raumzeit“. Interessant wäre, ob es ähnlich der virtuellen Proxemik auch eine virtuelle Chronemik gibt. Da sich der zeitliche Kontext eigentlich nicht verändert in der Virtualität (einmal die globaln Zeitzonen außer Acht gelassen) ist virtuelle Chronemik vermutlich kein unbedingt zu unterscheidender Bereich.

Übrigens: Die Grafik ganz oben ist nicht wirklich stimmig zu dem, was ich damit sagen will, denn eigentlich müssten dort zwei Pfeile angezeigt werden und zwei Botschaften als Kreise, einer Richtung Paul und ein anderer mit anderer Farbe Richtung Linda. Bei Gelegenheit überarbeite ich das mal.

Our Social Spaces, our Digital Lives

reports_sharing_detail_whit.gifDie Online Computer Library Center (OCLC), Inc. hat gerade ganz frisch einen Bericht (als PDF) veröffentlicht mit dem Titel „Sharing, Privacy and Trust in Our Networked World“. Der Bericht ist also aus der Perspektive von Bibliothekaren bzw. „Bibliothek 2.0“ geschrieben und konzentriert sich deshalb auf folgende Schwerpunkte:

  • The use of social networking, social media, commercial and library services on the Web
  • How and what users and librarians share on the Web and their attitudes toward related privacy issues
  • Opinions on privacy online
  • Libraries’ current and future roles in social networking

Darin sind aber zwei Kapitel enthalten, die spannende Information über „Our Social Spaces“ und „Our Digital Lives“ enthalten. Mich hat vor allem die Übersicht interessiert, warum Social Networking Sites wie z.B. LinkedIn, Xing und FaceBook genutzt werden. Hier ist internationaler Vergleich vorgenommen worden (Grafik Seite 55 des OCLC Berichts) und wir Deutsche (Grafik) stechen als vorwiegende Netzwerker deutlich hervor. sn_howisit.pngVor allem aber ist bemerkenswert, warum Schüler und Studenten diese Angebote nutzen. Es gibt scheinbar eine Art Gruppenzwang, der aktiv wird, denn der Hauptgrund lautet wie man nachfolgend sieht: „My friends use the same site“. Und eines ist auch klar, die Dienste wie Xing, studi.vz oder FaceBook übernehmen mehr und mehr die Funktion eines Kommunikationskanals wie ähnlich zu Telefon und E-Mail.

Wer also keinen Account hat, der bekommt natürlich auch keinen „Anruf“ bzw. keine Nachricht, ist also kommunikationstechnisch abgekoppelt von vielen Menschen. Vor allem für Schüler dürfte das das Killerargument für eine Mitgliedschaft in einem solchen Dienst sein. Schön fand ich auch deshalb das Zitat (siehe rechts), warum man z.B. ein eigenes Profil oder ein Weblog pflegt. Man lädt ja schließlich Leute zu sich nach Hause ein um u.a. auch Kommunikation zu haben.

whystudentsuseit.png
„Why Students Use Social Networking Sites“ – Quelle: OCLC Bericht, Seite 232

Interessant könnte auch die Webseite der vergangenen OCLC Symposien sein. Dort sind einige Audiomitschnitte hinterlegt, z.B. zum Thema „Who’s Watching YOUR Space?“ bei dem „social networking practices and trends“ diskutiert wurden. Unter anderem ist im Rahmen eines Expert Panel von Howard Reingold folgender Audiomitschnitt über Chancen und Risiken von Online Communities und Social Networking zu hören, insbesondere in Bezug auf junge Menschen:

[audio:http://progressive.powerstream.net/002/00173/symposium2007audio/file0100.mp3]

(Gefunden über Bibliothek 2.0)
Why do I blog this? Da die Diskussion um Personendaten bzw. Social Graph-Daten derzeit so hochaktuell ist, passt diese Studie grade wunderbar, um das eigene Bild abzurunden, was eigentlich genau gerade mit unseren ganzen Daten aus welchen Gründen passiert. Für die, denen das alles völlig fremd erscheint, müßte der Titel des Postings wohl eher „Their Social Spaces, their Digital Lives“ heißen. ;-)