Dopamine Dysregulation Syndrome: Internet

Je mehr ich mir #postsnowden Gedanken mache zum Internet, desto mehr gelange ich zu dem Schluss, das das Internet von uns mehr und mehr als reine Kopiermaschine verwendet wird und nicht als Produktionswerkzeug. Einige krasse Seiteneffekte, die ich nachfolgend mal versuche zu beschreiben, treten jetzt schon auf.

Das WorldWideWeb (WWW) ist ja eine Kopiermaschine, die größte die der Mensch je gebaut hat. Jede Webseite die ausgeliefert wird ist eine exakte Kopie. Das ist technisch so gewollt und das dem WWW zugrundeliegende Funktionsprinzip.

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Offenbar haben wir aber mittlerweile damit begonnen den hauptsächlichen Sinn unserer Internetaktivitäten mehr und mehr im Kopieren und Weiterkopieren von Inhalten des WWW zu sehen.

  1. Wir kopieren nicht mehr nur um unserer selbst willen, um eine Kopie zum eigenen Lesen zu erhalten.
  2. Wir kopieren zunehmend, um etwas mit Absicht weiterzuverbreiten, ihm mehr Bedeutung zu verschaffen.

Wir wollen nicht nur uns, sondern auch alle anderen mit unseren Kopien eindecken und damit unsere Umwelt beeinflussen zu möglichst geringen Kosten (also auch möglichst ohne mühselige Produktionsschritte).

Wir nennen es Sharing.

Kopieren kostet vergleichsweise wenig Aufwand hat aber dafür einen relativ großen Effekt, weil ich gleich an viele andere Ziele beliebig Kopien weiterreichen kann. So muss man sich z.B. nicht die Mühe machen etwas zu recherchieren, zu produzieren und es dann zu veröffentlichen. Man wartet bis etwas was einem gefällt vorbeikommt und das kopiert man an viele Ziele weiter, sharing eben.

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Sharing = Kopieren = Synchronisierung = Bezahlvorgang?

Doch genau dieses Verhalten verändert gerade das Internet meiner Ansicht nach. Kopieren statt Produzieren führt aus meiner Sicht zu einer inhaltlichen Verarmung, einer Art Gleichschaltung bzw. einer neuen Art der inhaltlichen Synchronisation. Die nicht weiterkopierte Information wird relativiert und geht dabei unter, die weiterkopierte Information verbreitet sich durch schier endlose Kopiervorgänge bis es sogar zu Kopierrückkopplungen kommt. Einmal retweetete Tweets werden ganz normal nach einem Monat nochmal retweetet, weil sie mit Zeitverzögerung als weitere Kopie einer anderen Quelle eintreffen.

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Über ganze Tageszeitungswebseiten hinweg sorgen unzählige Kopien von Kopien mittlerweile für eine Monokultur an Informationen bzw. eine Gleichschaltung oder auch Synchronisierung.

Es wird auch nicht mehr groß darüber nachgedacht, ob eine Information überhaupt kopierenswert ist, weil es ja nichts kostet. Wenn ich an der Information Gefallen finde (oder sie mir persönlich nicht schadet) kopiere ich sie einfach weiter. Eine weitergehende Begutachtung wird eingespart.

Hoax Economies of Scale

hoaxIm Gegenteil Information wird zunehmend danach ausgewählt, welches Weiterkopierpotenzial bzw. welches virale Verbreitungspotenzial ich ihr beimesse und nicht welchen inneren Wert für das Ziel. Nicht der Inhalt der Botschaft ist von Wert, sondern die äußere Beschaffenheit, mit der die Botschaft zum nächsten Kopiersprung ansetzen kann. Das erinnert zwar an „Das Medium ist die Botschaft.“ von Marshall McLuhan, greift aber zu kurz, da es eher den Konstruktionsprinzipien eines speziellen Virus bzw. eines Hoax – auch Kettenbrief genannt – gleicht.

So entwickeln sich zunehmend Kopierkaskaden einem Kettenbrief gleich, die das gesamte WWW verstopfen aber kaum einen nennenswerten Informationsgehalt von Wert haben. Es werden Dinge weiterkopiert, nur weil sie auf oberflächliches Gefallen treffen und weil sie ein hohes Weiterkopierpotenzial für den nächsten Kopiersprung aufweisen. Der Inhalt als Kriterium wird vollständig entwertet. Der Wert an sich besteht in der Gleichschaltung bzw. dem möglichst perfekten Synchronisationseffekt der alle anderen Themen verdrängt und alle Ziele – vor allem potente Weiterkopier-Hubs – mit der Hoax-Botschaft besetzt.

Man könnte auch sagen die Information ist bestrebt – wie bei einer braun’schen Molekularbewegung – eine Gleichverteilung zu erreichen. Nur gelingt das offenbar bestimmten Informationen bzw. Botschaften besser als anderen, und es ist keine Gleichverteilung die stattfindet, sondern eine konzentrierte Verdrängung in den wichtigsten, bereits bestehenden Zentralen Anlaufstellen. Es gleicht daher eher einem diffusionsbegrenzten Wachstum, das durch Anlagerungen entsteht. Es gibt von der Informationsdichte und -verteilung her gesehen zwar einige Quellen, aber ein riesiges Überangebot an Senken, das permanent neu synchronisiert wird.

Hoaxen wir uns glücklich?

Doch was führt dazu, dass die Information für so toll gehalten wird, dass wir bereit sind sie an möglichst viele Menschen möglichst schnell weiter zu kopieren? Denn Tempo und Alter der Botschaft spielen ebenfalls eine Rolle. Welche Auswirkungen haben diese Kopierkaskaden? Warum wird zunehmend auch bei einstmals eigenständigen Informationsquellen (Tageszeitungen) oftmals nur noch der Inhalt anderer Quellen (z.B. Nachrichtenagenturen Reuters und AP) weiterkopiert? Welchen Sinn hat diese Gleichschaltung bzw. ständige Flutung des Netzes mit identischen Kopien? Sind wir einem gleichschaltenden Kopierwahn anheim gefallen ohne es zu merken?

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Hoaxen wir uns durch die Informationsflut des 21igsten Jahrhunderts, weil wir ständig neue Reize brauchen? Arbeiten wir professionell an der Überdosierung von Dopaminausstoß und entwickeln langsam ein Dopamine Dysregulation Syndrome? Wollen wir wirklich immer und permanent nur EINE Botschaft hören, nämlich die schrillste, neuste, hoaxhaftigste mit dem größten Weiterkopierpotenzial? Haben wir diese unbewusste Synchronisierung früher einfach nicht bemerkt, weil es keinen einfachen Weg gab, die Botschaften der verschiedenen Medien zu vergleichen? Vor allem aber, warum fallen zunehmend die Refraktärzeiten weg, also die Zeiträume nach Auslösung eines Aktionspotentials, in dem die auslösende Kopiereinheit oder das Aggregat nicht erneut auf einen Informationsreiz mit noch so hohem Weiterkopierpotenzial reagieren kann?

Ich würde mich über Kommentare und andere Sichtweisen freuen.

Update
Ich denke auch, dass es nicht ganz zufällig einen großen Kampf um Kopierrechte und z.B. Creative Commons gibt. Sie scheinen die vermeintlich mächtigste Waffe zu sein, um Kopiervorgänge zu beeinflussen.

Why do I blog this? Mir fällt diese gefühlte Gleichschaltung im Netz langsam ziemlich auf den Wecker. Es wird naturwissenschaftlich gesehen eigentlich nur unglaubliche Redundanz hinzugefügt. Ob da jetzt ein TV Sender oder eine Tageszeitung mehr oder weniger dabei sind, es spielt kaum eine Rolle, da sie oft nicht viel mehr als Redundanzproduzenten oder schlicht und einfach dumme Weiterkopierer sind. Originäre Informationsquellen sind gefühlt nur noch sehr schwer auszumachen, und einmalige Informationen werden oft durch die x-te Generation einer oft sogar alten Kopie dennoch verdrängt, weil Kopieren einfach schneller und billiger, ja aggressiver und zu jeder Zeit beliebig oft bewerkstelligt ist. Für mich schaut das aus, als wäre eine Art Dopamin-Regelkreis in den Kurzschluss bzw. Permanentrausch gewechselt. Internet reguliert nur noch das Intensitätsniveau des Rausches, eine Pause von der Dopaminausschüttung gibts nicht mehr… und wir gewöhnen uns langsam an ein hohes Dopamin Level und wollen, mehr, schneller in kürzeren Zyklen…

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