Das Gesetz über die Vorratsdatenspeicherung im Bundestag ist trotz massiver Proteste der Bevölkerung ganz einfach durchgegangen. Jetzt geht es weiter mit dem BKA-Gesetz zur Online-Durchsuchung. Die Süddeutsche schreibt dazu heute „BKA-Gesetz: Sachsen gegen Schäubles Schnüffelplan“. Die Freiheit der Staatsbürger scheint immer weniger Wert zu haben. Vieles deutet darauf hin, dass wir immer tiefer in eine Vertrauenskrise hineinschlittern, die zum Stillstand führt. Mehrere Indizien zeigen mir, dass dies der Fall ist.
Deshalb habe ich mir einmal die Mühe gemacht, und das Grundgesetz bei der Regierung bestellt. Vor mir liegt die Ausgabe „Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland, Textausgabe – Stand Januar 2007“. Herausgeber ist das Referat für Öffentlichkeitsarbeit des Deutschen Bundestags in Berlin.
Wenn ich mir Artikel 5, 10 und 13 des GG durchlese, dann frage ich mich welche gesetzliche Grundlage z.B. für den Inhalt des Gesetzes zur Vorratsdatenspeicherung gelten soll. ich möchte vor allem den letzten Satz aus dem Vorwort zu zitieren, dort schreibt Dr. Norbert Lammert als Präsident des Deutschen Bundestages:
Was in der Verfassung steht, ist eine Sache, eine andere Sache ist die Frage, ob und wie die in ihr formulierten Werte auch verwirklicht werden. Doch darauf kommt es an. Unser Staat ist angewiesen darauf, dass die Idee der Menschenwürde, die Grundwerte der Freiheit, Gleichheit und Toleranz gelebt werden. Demokratie braucht Bürger, die sich einmischen, die Verantwortung übernehmen, die Engagement zeigen. Das Grundgesetz gibt uns die Freiheit, uns für die humane Gesellschaft, wie wir sie wollen, einzusetzen. Nutzen wir diese Freiheit, jeden Tag aufs Neue.
Wenn man diese Botschaft liest, und sie mit dem vergleicht, was derzeit realisiert wurde und was alles noch geplant ist, dann frage ich mich schon, ob wir nur ein „Schönwettergrundgesetz“ haben. Deshalb nochmals zur Erinnerung Artikel 5 und 10:
Artikel 5, 10 und 13 Grundgesetz:
§5 (1)Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.
§5 (2) Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre.
§5 (3) Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue zur Verfassung.
§10 (1) Das Briefgeheimnis sowie das Post- und Fernmeldegeheimnis sind unverletzlich.
§10 (2) Beschränkungen dürfen nur auf Grund eines Gesetzes angeordnet werden. Dient die Beschränkung dem Schutze der freiheitlichen demokratischen Grundordnung oder des Bestandes oder der Sicherung des Bundes oder eines Landes, so kann das Gesetz bestimmen, daß sie dem Betroffenen nicht mitgeteilt wird und daß an die Stelle des Rechtsweges die Nachprüfung durch von der Volksvertretung bestellte Organe und Hilfsorgane tritt.
§13 (1) Die Wohnung ist unverletzlich.
§13 (2) Durchsuchungen dürfen nur durch den Richter, bei Gefahr im Verzuge auch durch die in den Gesetzen vorgesehenen anderen Organe angeordnet und nur in der dort vorgeschriebenen Form durchgeführt werden.
§13 (3) Begründen bestimmte Tatsachen den Verdacht, daß jemand eine durch Gesetz einzeln bestimmte besonders schwere Straftat begangen hat, so dürfen zur Verfolgung der Tat auf Grund richterlicher Anordnung technische Mittel zur akustischen Überwachung von Wohnungen, in denen der Beschuldigte sich vermutlich aufhält, eingesetzt werden, wenn die Erforschung des Sachverhalts auf andere Weise unverhältnismäßig erschwert oder aussichtslos wäre. Die Maßnahme ist zu befristen. Die Anordnung erfolgt durch einen mit drei Richtern besetzten Spruchkörper. Bei Gefahr in Verzuge kann sie auch durch einen einzelnen Richter getroffen werden.
§13 (4) Zur Abwehr dringender Gefahren für die öffentliche Sicherheit, insbesondere einer gemeinen Gefahr oder einer Lebensgefahr, dürfen technische Mittel zur Überwachung von Wohnungen nur auf Grund richterlicher Anordnung eingesetzt werden. Bei Gefahr im Verzuge kann die Maßnahme auch durch eine andere gesetzlich bestimmte Stelle angeordnet werden; eine richterliche Entscheidung ist unverzüglich nachzuholen.
§13 (5) Sind technische Mittel ausschließlich zum Schutze der bei einem Einsatz in Wohnungen tätigen Personen vorgesehen, kann die Maßnahme durch eine gesetzlich bestimmte Stelle angeordnet werden. Eine anderweitige Verwertung der hierbei erlangten Erkenntnisse ist nur zum Zwecke der Strafverfolgung oder der Gefahrenabwehr und nur zulässig, wenn zuvor die Rechtmäßigkeit der Maßnahme richterlich festgestellt ist; bei Gefahr im Verzuge ist die richterliche Entscheidung unverzüglich nachzuholen.
§13 (6) Die Bundesregierung unterrichtet den Bundestag jährlich über den nach Absatz 3 sowie über den im Zuständigkeitsbereich des Bundes nach Absatz 4 und, soweit richterlich überprüfungsbedürftig, nach Absatz 5 erfolgten Einsatz technischer Mittel. Ein vom Bundestag gewähltes Gremium übt auf der Grundlage dieses Berichts die parlamentarische Kontrolle aus. Die Länder gewährleisten eine gleichwertige parlamentarische Kontrolle.
§13 (7) Eingriffe und Beschränkungen dürfen im übrigen nur zur Abwehr einer gemeinen Gefahr oder einer Lebensgefahr für einzelne Personen, auf Grund eines Gesetzes auch zur Verhütung dringender Gefahren für die öffentliche Sicherheit und Ordnung, insbesondere zur Behebung der Raumnot, zur Bekämpfung von Seuchengefahr oder zum Schutze gefährdeter Jugendlicher vorgenommen werden.
All diese Artikel des Grundgesetzes sind nicht irgendein Blödsinn, sondern die Regeln, die wir bei klarem Verstand einmal aufgestellt haben, um ein gedeihliches, soziales Miteinander als zivilisierte Menschen zu ermöglichen. Nun, da uns der Kopf schwirrt von Terror und Finanzkapriolen und jeder jedem misstraut (zumindest misstraut der Staat von Tag zu Tag jedem Bürger ein Stück mehr), finden wir die Regeln offenbar merkwürdig überkommen. Aber ist das nicht auch mit dem Autofahrer das Gleiche, der sich erst sagte er lässt das Auto stehen wenn er Alkohol getrunken hat? Meist kommt ihm diese Regel im alkoholisierten Zustand dann jedoch absolut lächerlich und hinderlich vor und er reagiert sogar aggressiv wenn man ihn am Fahren hindern wollte. Dabei war er bei klarem Verstand vollkommen der Meinung das es in Ordnung ist das Auto stehen zu lassen, wenn der Verstand nicht mehr klar ist.
Mir scheint, die Verstandestrübung in Form von mehr Misstrauen breitet sich weiter und schneller aus als gedacht. Der Staat traut niemandem mehr, weder dem normalen Bürger (Vorratsdatenspeicherung, Aufhebung des Postgeheimnisses, Videoüberwachung allerorten), noch dem Steuerzahler (Aufhebung vom Bankgeheimnis), noch dem Fluggast (Fluggastdatenübermittlung und Nacktscanner, sowie Handgepäckparanoia), noch dem Professor (Evaluation über Evaluation ohne festen Vertrag), noch denen die noch Protestieren (Einschränkung der Versammlungsfreiheit in Bayern) und viele andere mehr.
Die große Vertrauenskrise ist längst da! Es ist eine Vertrauenskrise die in erster Linie aufgrund eines getrübten Verstandes die Regeln des Grundgesetzes für lächerlich überkommen erachtet. Der Verstand sagt: „Das Grundgesetz gilt nur bei schönem Wetter, wir aber haben gerade schlechtes Wetter, also gilt es nicht mehr!“ – Damit stellt sich der so argumentierende Verstand auf die gleiche Stufe wie ein alkoholisierter Oktoberfestgänger der mit dem Wagen nach zwei Maß Bier nach Hause fahren möchte, obwohl er weiß das das einige Straßenverkehrsopfer zeitigen könnte.
Wie lange fragt man sich da, dauert es dann eigentlich noch, bis die Meinungsfreiheit als ein überkommenes Relikt aus Schönwetterzeiten gilt? Ist es gar schon soweit? Prof. Dr. Michael Kerres von einer Universität in Nordrhein-Westfalen jedenfalls scheint dieser Ansicht bereits zu sein. Wie sonst könnte er in seinem Beitrag „Bloggen an Unis?“ (hier als Grafik archiviert) schreiben:
Eigentlich wollte ich dem Kollegen raten, seine Blog-Einträge stehen zu lassen. Er hat sie gelöscht. Kann ich verstehen.
Er hätte seinen Beitrag auch „Freie Meinungsäußerung an Unis?“ nennen können. Das hätte es deutlich besser getroffen. „Bloggen“ das beschreibt das Exponieren der eigenen Meinung, ein Vorgang der vollumfänglich von unserem Grundgesetz gedeckt ist. In einem Extraartikel des GG ist sogar das Recht der Professoren auf eine freie Lehre gedeckt. Der Professor ist somit sogar doppelt vom GG abgesichert. Trotzdem kann Kerres es „verstehen“, dass der Kollege seine Meinung lieber löscht? Ich frage mich ob ich das auch verstehen sollte. Ich denke nein!
Update 19.11.2008
Freie Meinungsäußerung ist originär eine Professorenverantwortung – denn mit dem Privileg (Doppelter Schutz der Meinungsfreiheit (1)/Freiheit der Lehre (2) durch das Grundgesetz) kommt die Verantwortung! Gut dass das andere auch so sehen.
Update 22.12.2008
Heute habe ich einen Beitrag auf change.gov von Lawrence Lessig gesehen, der tatsächlich ein ganz ähnliches Thema thematisiert wie dieser Beitrag: Trust und Mistrust bzw. die Vertrauenskrise in den Staat USA. Lessig identifiziert ebenfalls Vertrauen als den entscheidenen Faktor. Interessanter Weise hat er einen Vorschlag zur Verbesserung, der in dem folgenden Video von ihm verdeutlicht wird.
Why do I blog this? Ich frage mich, woran es liegt, dass in einem Akt vorauseilenden Gehorsams die eigene Meinung lieber gelöscht wird, als den Disput zu suchen. Liegt es an einer allseits um sich greifenden Vertrauenskrise? Ist es ein vernebelter Verstand? Ist das Grundgesetz ungültig, weil wir schlechtes Wetter haben? Um es mit Norbert Lammerts Worten zu sagen: „Das Grundgesetz gibt uns die Freiheit, uns für die humane Gesellschaft, wie wir sie wollen, einzusetzen. Nutzen wir diese Freiheit, jeden Tag aufs Neue.“ Dieser Blogbeitrag von mir ist mein Beitrag dazu, von diesem Recht Gebrauch zu machen. Sollte die Uni Bremen diesen Beitrag bzw. meine Meinung löschen wollen, gehe ich notfalls ganz einfach bis zum Bundesverfassungsgericht, so einfach ist das. Ich trage die volle Verantwortung ganz allein für meine Schreibe und das heißt, dass ich auch das Recht auf freie Meinungsäußerung mitverantworte.
Momentan wird sehr viel über Rettungspakete und Hilfspakete in den Medien gesprochen. Ich habe da einige Fragen, die mir ja vielleicht Besucher des Blogs in den Kommentaren beantworten können:
Was ist ein Rettungspaket?
Von wem kommt das Rettungspaket?
Für wen ist das Rettungspaket?
Wer wird durch das Rettungspaket gerettet?
Vor was wird der mit dem Rettungspaket bedachte genau gerettet?
Warum reicht ein Rettungsring nicht aus?
Worin genau besteht eigentlich die Katastrophe?
Ich weiß derzeit leider keine Antworten auf diese Fragen und ich wäre erfreut über Hinweise zu meiner Erleuchtung.
Update 4.10.2008
Vielleicht gilt hier ganz einfach folgende Grafik:
Der Mini-Gipfel in Paris war keine EU-Veranstaltung, sondern diente offiziell der Vorbereitung eines Treffens der acht wichtigsten Industriestaaten (G8), der auch die USA, Japan, Kanada und Russland angehören. In den kommenden Wochen oder Monaten solle es einen „Gipfel der am meisten betroffenen Staaten zur Neugründung des Weltfinanzsystems“ geben, sagte Sarkozy.
Update 10.11.2008
Soeben habe ich einen tollen Beitrag bei TobiK gelesen. Ich zitiere einen sehr erhellenden Beitragsabschnitt (Hervorhebungen nicht im Original):
[…] wird dieser Tage z.B. immer wieder berichtet, wieviel Billionen Dollar weltweit durch die Finanzkrise verloren geht. Dabei wird nicht nur nicht gesagt, wem dieses Geld verloren geht, vielmehr noch wird suggeriert, es gebe eine konstante Menge an Geld und Geld hätte seinen Wert in sich. Jedoch ist weder die Geldmenge konstant, noch hat eine Geldeinheit ihren Wert in sich. Geld ist ja ein Tauschmittel und daher etwas, das seinen Wert nur durch seine Bezüge, sein Verhältnis, sein Relationsgefüge erhält. Es geht also momentan kein Geld verloren (weil Geld nichts Dingliches ist, auch wenn wir von Geld als Münzen und Scheine denken und dies das nahelegt), sondern es verändert sich das Wert- und Machtgefüge des Geldmarktes und damit überhaupt des weltweiten Menschengeflechtes.
Damit ist nicht gesagt, dass das Geschehen unproblematisch ist. Nur ist das Problem ist nicht der Verlust einer Geldmenge, sondern der drohende Verlust einer das ganze System aufrechterhaltenden Dynamik (des Tausches), die negative Auswirkungen auf alle Beteiligte haben kann (wenn auch in ganz unterschiedlichem Ausmaß). Was wir bräuchten um dieses Geschehen besser zu verstehen, wäre eine relationales Denken, ein Denken in Beziehungen, das den Beziehungen und nicht den Entitäten einen ontologischen Primat zugesteht (sowie das ursprünglich auch die Trinitätstheologie lehrt). Mit anderen Worten: Die Beziehungen nicht als etwas nachträgliches, sondern als etwas vorgängiges denken, das ‚Zwischen‘, den Relator, nicht die Relata als das Wesentliche und Primäre zu denken. […]
Update 18.12.2008
Heise.de berichtet nun über ein Vorhersagemodell für Situationen in denen Rettungsschirme gebraucht werden. Offenbar haben Finanzentwicklungen ähnliche Muster in der Entwicklung wie vergleichbare Naturkatastrophen. Denn ein „Mathematischer Indikator für die Finanzkrise“ hat 2-3 Monate vor dem „Bang“ offenbar erfolgreich angeschlagen. Mit Hilfe der fraktalen Geometrie ist es Prof. Didier Sornette von der ETH Zürich/Europa offenbar gelungen sogenannte Situationen überexponenziellen Wachstums zu diagnostizieren. Zitat aus heise.de:
[…] „Man kann sagen: Mathematisch gesehen ist diese Finanzkrise ein Monster!“ Die Standardverfahren der Ökonomie gehen davon aus, dass auch die größte Blase lediglich exponentiell wächst wie eine Geldanlage mit festem Zinssatz. „Doch wir haben festgestellt, dass eine Blase stets überexponentiell wächst“, sagt Sornette. „Das wäre so, als würde sich die Zinsen jedes Jahr verdoppeln.“ […]
Why do I blog this? Momentan verstehe ich wirklich nicht mehr, was auf den einschlägigen Portalen der Finanz- und Medienwelt gesprochen wird. Ob nun Handelsblatt, Financial Times Deutschland, International Herald Tribune, Wallstreet Journal und die einschlägigen Tageszeitungen sowie Google News – ich verstehe einfach nicht was dort gesprochen wird. Ich meine die Bilder die gezeigt werden sehen so aus, als ob die Menschen darauf wirklich Hilfe bräuchten, aber im Vergleich zu den Flutopfern eines Tsunamis, verhungernden Kindern in Entwicklungsändern, Erdbebenopfern in abgelegenen Gebieten, oder Schiffbrüchigen sehen sie eigentlich eher ungefährdet aus. Auch die Huffington Post fragt sich: „Why bail?“. Andere interviewen Personen, die es kommen sahen wie z.B. Nouriel Roubini. Wieder andere schreiben einen Schlechte-Nachrichten-Newsletter, um, ja, um was eigentlich zu bewirken?
In letzter Zeit ist mir immer häufiger der Begriff des „Digital Native“ begegnet, z.B. in einem Text von Marc Prensky (als PDF) (siehe auch Weiterbildungsblog). Ich habe mich immer gefragt, was das eigentlich sein soll und was einen „Digital Native“ von einem „Digital Non-Native“ unterscheidet. Was mich besonders an dem Begriff reizte, war der Umstand, dass diejenigen die ihn sich selbst zuschreiben alle „Digital Non-Natives“ gerne als „Digital Immigrants“ beschreiben.
Für mich ein großes Problem an der Sache sind die Assoziationen die die Begriffe „Native“ und „Immigrant“ bei mir hervorrufen. Das Wort „Native“ beschreibt den Einheimischen oder auch Ortsansässigen und Ureinwohner. Dieser Ureinwohner hat keinerlei besondere Leistung erbracht oder ähnliches, er ist halt einfach ein Ureinwohner und oft ist das Wort des Ureinwohners positiv konnotiert mit tiefer kultureller Verwurzelung und dem leben von kulturell erprobten Werten.
Das Wort „Immigrant“ beschreibt den Einwanderer oder wie man in Bayern sagt den Zug’rasten, den der von Außen in die Welt der Natives hinzukommt. Oft ist der Begriff „Einwanderer“ negativ konnotiert, weil Einwanderung bzw. Migration oft mit kulturellen Verwerfungen und Konflikten zwischen zwei Gruppen einhergeht.
Ich dachte lange Zeit immer der Begriff „Digital Native“ beschreibe das Gefühl, sich in der digitalen Welt heimisch zu fühlen, so heimisch, dass man sich als Einheimischer, ja Ureinwohner fühlt. Doch das ist nicht gemeint. „Digital Native“ beschreibt vielmehr das „Aufgewachsen-Sein“, ohne jemals einen C64, ein Modem, eine Bluebox oder die Deutsche Bundespost kennengelernt zu haben. Es beschreibt das „Aufgewachsen-Sein“ mit drahtlosem Internet rund um die Uhr seit man denken kann. Es beschreibt kurz und knapp Personen, die jünger sind als ich. Und zwar so jung, dass sie eine Zeit ohne Internet gar nicht kennen, also deutlich jünger sind!
Digital Native istsoll die Bezeichnung sein für eine Generation bzw. eine „Jugendkultur“. Warum es den Begriff des „Digital Immigrant“ allerdings gibt ist mir diesbezüglich ein Rätsel, denn in eine durch das Alter definierte Gruppierung kann man per se nicht „einwandern“, entweder man hat das Alter, oder man hat es nicht. Man wird niemals dazugehören können, wenn man nicht das entsprechende Alter besitzt. Die Begriffe „native“ und „immigrant“ führen also in die Irre, versprechen sie doch, dass man eigentlich einwandern könnte, wenn es bei Licht betrachtet aber unmöglich ist.
Deshalb mein Fazit: Ich bin kein „Digital Native“ und ich werde auch nie einer sein (können)! Genauso wenig bin ich ein „Digital Immigrant“ und ich werde auch nicht ansatzweise versuchen (können) einer zu sein, sorry Rupert. Ich bin ein „Digital Trailblazer“, ein „Telefonist des 21sten Jahrhunderts“ bzw. ein „Connector“, ich suche und finde Wege in der digitalen Welt, ich prüfe, bewerte, wähle aus, verwende und verändere Neues. :-D
Update 19.8.2008
Auch nach längerem Nachdenken, und dem Lesen weiterer Beiträge z.B. dem in der englischen Wikipedia komme ich zu dem Schluss, dass der Begriff so wie er derzeit verwendet wird etliche Schwächen hat und weit davon entfernt ist ein fest stehender Begriff zu sein. Andere Begriffe wie z.B. „Digital Zealot“ oder „Generation NF“ für z.B. Netz Freundschaft / Net Friendship wären vermutlich passender. Sicher findet man in den klassischen Cyberspace-Romanen gute Begriffe für eine Jugendkultur die durch den Cyberspace geprägt ist. Derzeit wrid wechselweise von
„Generation V“ (for virtual),[3] „Generation C“ (for community or content), „The New Silent Generation“,[4] the „Internet Generation“, the „Homeland Generation“,[5] or even the „Google Generation“
Update 5.9.2008
Obwohl ich mit dem Begriff nach wie vor nichts anfangen kann, möchte ich an dieser Stelle auf ein Projekt des japanischen TV Senders NHK hinweisen. Dieser hat nämlich dazu aufgerufen Videostatements einzusenden zu folgenden drei Fragen:
Senior Producer at NHK, Toshio Kuramata, says, „We are setting up a web site so that ‚Digital Natives‘ [can] submit their thoughts. We [would] like to hear from [as] many ‚Digital Natives‘ as possible with their own voice, about the meaning of the Internet and how they will eventually change the world using it.“
Auch ein Test wird angeboten ob man ein DN ist. Siehe folgendes Bild.
Mein Testergebnis zeigt 55%. Für meinen Geschmack etwas zuviel und ich weiß auch warum ich bei den Fragen 5,6,11,14,16,17,18,19 und 20 „NEIN“ geantwortet habe. Hätte ich da „JA“ angegeben wäre ich vermutlich jetzt auf 100% rausgekommen. Nachtrag: Nach meinem Alter hat mich der Test übrigens nicht gefragt. Merkwürdig!
Meine Neins:
Warum ich NEIN gesagt habe:
zu 5: Ich prüfe jedes Mal, wem ich meine Kreditkartendaten gebe und ob die Verbindung ordentlich verschlüsselt wird. „Hesitation“ ist für mich Pflich, alles andere ist „Digital Naive“
zu 6: Ich downloade Musik, ich kaufe sie auch ab und an, aber nicht ständig, denn am liebsten höre ich noch Streaming Web Radio z.B. Chronix Radio. lastfm.com ist für mich leider nur die Ausweichalternative zu pandora.com.
zu 11: Ich habe zwei Gruppen in studi.vz beigesteuert, zählt das? Wohl eher nicht. Ich mag es auch nicht, Foren zu administrieren, es ist ein undankbarer Job, bei dem man es keinem Recht machen kann.
zu 14: Ich nutze mein mobiles Telefon zum telefonieren. Ich habe bewußt downgrade-to-talk gemacht. Weil SMS über eine Mäusetatstatur einfach Steinzeit ist. Mein Moto F3 und ich sind seither beste Talkfreunde. (BTW: Mein MOTO F3 ist quasi der Vorläufer von Plastic Logics eBook Reader basierend auf e-Ink Technologie) Da ich bislang alle meine Handys verloren habe, wird das iPhone für mich eher ein utramobiler Rechner sein und bleiben und kein Telefon.
zu 16: Die verschiedenen Standards wie bluetooth, infrarot und sonstwas für Zeug, die man aus Sicherheitsgründen eh immer besser abschaltet, beherrschen nicht alle Phones und erst recht nicht alle Nutzer. Mir ist es zu kompliziert daher nutze ich es nicht. Ein Anruf auf meine Nummer und ich hab die Nummer des Anrufers, wozu also Infrarot einschalten??
zu 17: Ich lese News online, vor allem die mit kurzer Halbwertzeit z.B. über Technische Entwicklungen usw. Ich lese aber gerne eine Tages- und Wochenzeitung, denn da lenken mich nicht zig flashende Werbebanner vom Inhalt ab und ich kann die Zeitung auch noch einer Zweitverwertung zuführen. Kommentieren kann ich dann immer noch online falls ich es wichtig finde (die Süddeutsche jetzt mal ausgenommen wegen ihrer Öffnungszeiten 2.0).
zu 18: Welchen Grund sollte es geben, diese unterirdischen Programminhalte auch noch auf Festplatte zu bannen? Und Fußbal guckt man besser in Gesellschaft auf dem Beamer in der Bar um die Ecke. Oder zeichnet hier ernsthaft jemand die Klingeltonwerbung bei MTV auf?
zu 19: Ich habe im Gymnasium EINE Informatik AG besucht, also keinen echten Unterricht. Den Rest hab ich mir selbst angeeignet zu Haus und im Studium. „Computer classes“ was soll das sein?
zu 20: Also alle meine Freundinnen hab ich bislang offline gefunden. No need to go online.
Derzeit sind übrigens nur Beiträge aus Japan, Canada und USA eingesendet und veröffentlicht worden. Wie wäre es denn, wenn unsere sich selbst so bezeichnenden DN’s mal was hinsenden aus Germany? :-D
Update 14.9.2008
Die Diskussion um den Begriff „Digital Immigrant“ bewegt nicht nur mich. Im timelines-blog gibt es dazu einen Beitrag mit dem Titel „Prof. Schulmeister über digital natives„. Ich hab es mir nicht nehmen lassen und einen Kommentar mit den Schlüsselworten Übereuphorie und digitaler Elfenbeinturm hinterlassen.
Update 23.6.2009
Es scheint nicht nur mir so zu gehen, dass man mit einigen Dingen im Zusammenhang mit dem Begriff Dgital Native so seine Reibungspunkte hat. So schreibt Joachim Wedekind„Es gibt sie also doch!“ und meint damit die Digital Natives. Zu der Initiative DNAdigital vermerkt er:
Ich muss gestehen, die Zielformulierung der Initiative ist für mich stromlinienförmiges Marketing-Geblubber und der Versuch, halb (falsch) Verstandenes zu integrieren und zu ökonomisieren
Ich habe viel Kraft und Zeit aufgewendet, um den Leitsatz von Tim o’Reilly “Create more value than you capture” und die 2.0 Werte “Offenheit und Transparenz” in die Koepfe der Projekteitung und die der beteiligten Unternehmen bei DNAdigital zu bringen. Gleiches gilt fuer das erste DNAdigital spinn-off Palomar5. Das ist mir leider nicht zu meiner Zufriedenheit gelungen. Warum? Vielleicht lag oder liegt es daran, dass es von Anbeginn an versaeumt wurde, den Rahmen klar und deutlich zu definieren. Vielleicht liegt es auch an meiner zu hohen Erwartungshaltung, vielleicht bin ich zu ungeduldig … ich weiss es nicht.
Ulrike, vielleicht liegt es nicht an der Ungeduld, und auch nicht daran den Rahmen klarer zu setzen (der war ja zu Beginn vermutlich gar nicht erkennbar). Vielleicht liegt es an dem polarisierenden Ansatz, der prinzipiell alle Teilnehmer in zwei Gruppen teilt. Für mich jedenfalls war das von Beginn an der Grund mich nicht mehr zu engagieren. Was ich persönlich schade fand, weil das Teilen von Wissen eigentlich eine schöne und auch Spaß machende Aufgabe ist.
Ein polarisierendes Grundthema zieht eben auch Polarisierer an, die Gefallen daran finden in Lagern zu denken. Mich hat gewundert, wie sehr die Unternehmen sich ohne Not wirklich in die Rolle begeben haben, sich auf „Anzugträger“ bzw. „Enterprise 2.0“-Unwissende reduzieren zu lassen. In jedem Unternehmen arbeiten eine Menge Leute von denen privat ganz sicher viele das Potenzial des Web 2.0 erkennen. Wenn man die jedoch erstmal zu Immigranten stempelt, dann richten die sich in der Rolle auch ein.
Deine Kritik finde ich offen, ehrlich und treffend:
Zu oft wurden nach meinem Empfinden egoistische, kommerzielle Interessen in den Vordergrund gestellt, DNAdigital als Plattform ausgespart und eben NICHT Offenheit, Transparenz und Partizipation praktiziert […] So entstand fuer mich immer wieder der Eindruck, dass DNAdigital manchmal zu sehr “benutzt” als dass es zu einem lebendigen “2.0 – Experimentierfeld” gebraucht wurde.
Genau diese „Verwertungsmentalität“ hat mir von Beginn an nicht wirklich gefallen. Wer verwertet, also sich eine Leistung nimmt, der muss dafür in der Regel eine Gegenleistung bringen, sonst entsteht eine Einseitigkeit in dem Prozess des offenen Wissenstauschs, der das Ende des Austauschs vorprogrammiert. Diese Einseitigkeit mochte ich persönlich nicht fördern. Ich sehe es deutlich zweigeteilt: Einerseits, ja, die Unternehmen haben ihre Chance wenig genutzt, aber welche Chance hatten sie genau? Denn andererseits, warum sollten sie auch, wenn man sie von Beginn an in die unattrakive Rolle des „Unwissenden“ gedrängt hat?
Du sagst, dein Leitmotiv war “Create more value than you capture” das hat offenbar nicht für alle gegolten. und genau das ist es was einem an DNAdigital suspekt erscheint, mir kommt es vor wie ein Portal zum „Idea-Sourcing“ bzw. „Cool Hunting“, bei dem die, die den Value erzeugen (Web 2.0 affine Menschen) einfach nur abliefern dürfen. Das Value-Capturing findet dann in Form von politischen Events und Selbstmarketing der Unternehmen statt, die sich mit der Initiative einen werthaltigen Web2.0-Anstrich verpassen. Wäre alles völlig in ordnung, wenn die Unternehmen ihre Verantwortung in dem prozess wahrnehmen und das offen zugeben und die Leistung eben nicht einfach so abzweigen, sondern in werthaltigen Gegenleistungen kompensieren würden.
Update 6.8.2009
Soeben habe rein aus Interesse mal wieder in der englischen Wikipedia den Begriff nachgesehen und dort hat die Kritik an dem Begriff mittlerweile ihren Raum erhalten:
Not everyone agrees with the language and underlying assumptions of the digital native, particularly as it pertains to the concept of their differentiation. There are many reasonable arguments against this differentiation. It suggests a fluidity with technology that not all children and young adults have, and a corresponding awkwardness with technology that not all older adults have. It entirely ignores the fact that the digital universe was conceived of and created by digital immigrants. In its application, the concept of the digital native preferences those who grow up with technology as having a special status ignoring the significant difference between familiarity and creative application.
Crucially, there is debate over whether there is any adequate evidence for claims made about digital natives and their implications for education. Bennett, Maton & Kervin (2008), for example, critically review the research evidence and describe some accounts of digital natives as an academic form of a moral panic.
This notion should be considered as highly problematic and inept because it plays down the importance of indigenous struggles by making a false analogy with a more or less chosen membership in technological culture. There could be as well telephone natives, or radio natives, which makes ethnic groups around the world who struggle for their rights. Using such a terminology is rather a sign of unfamiliarity and exoticism in relation to digital culture. Of course, nobody is „born digital“; as with any cultural technology, such as reading and writing, it is matter of access to education.
Das kann ich eins zu eins so unterschreiben!
Update 30.9.2009
„Das merkwürdige Verhalten der sich für „digital native“ haltenden“, so könnte der Titel eines ganzen Blogposts heißen. Doch ich möchte hier keine alten Sachen aufwärmen. Zu beobachten bleibt einfach, dass diejenigen, die meinen, es gäbe „Digital Natives“ sich offenbar doch nicht so sicher sind. Denn jetzt wollen sie selbst die Wissenschaft in die Hand nehmen, um ihre ganz persönlichen Beweise zu erzeugen, die ihnen vorher die Wissenschaft nicht zu liefern vermochte.
Das NUERONI-Blog hat dazu einen eintsprechenden Beitrag mit dem Titel „NEUROPSYCHOLOGISCH, BILDGEBENDE TESTS VON DNAS UND IMMIGRANTS“ parat. Spannend, hier wird „Digital Native“ im Nebensatz nochmal ganz neu definiert, schreibt doch der Autor Jormason folgendes:
Mit Digital Natives sind die jungen, internetaffinen, extrem vernetzten, hyper-multitasking-fähigen, nerdig, geekigen Jugendlichen von heute gemeint die nur und andauernd im Internet sind.
Unabhängig von den Handlungen, ich halte Neurowissenschaften für einen der spannendsten Bereiche der Wissenschaft. Doch wer sich dort hinbegibt, der sollte die Grenzen der Wissenschaft kennen und die gibt es auch in der funktionalen Magnetresonanztomografie, wie sie hier eingesetzt werden soll.
Update 2.10.2009
Um etwaigen Missverständnissen vorzubeugen, die meine Kritik an dem geplanten Experiment und DNAd betrifft möchte ich hier kurz ein Statement zu DNAd abgeben.
Ich respektiere die Energie die in DNAdigital fließt vollumfänglich. Ich kritisiere nicht die Bemühungen sich mit den durch das Netz hervorgerufenen Veränderungen unserer Lebenswirklichkeiten zu beschäftigen und schätze dieses Engagement uneingeschränkt.
Da ich vermute, dass sich an meiner obigen Kritik eventuell ein kleiner Sturm der Entrüstung entzünden könnte (Erfahrung mit Web 2.0 sind einem Digitalen Alien ja nicht ganz fremd), schließe ich vorläufig die Möglichkeit Kommentare hier zu hinterlassen, bis sich einige Dinge gesetzt haben. E-Mails sind natürlich willkommen!
Es ist ein populärer Irrtum zu glauben, dass schon Kinder im Umgang mit neuen Technologien kompetenter seien als Erwachsene – sie sind meist nur unbefangener am Computer und im Internet. Die Mystifizierung einer ›generation @‹ hält der wissenschaftlichen Untersuchung nicht Stand.
Neben diesem Hinweis beleuchtet der Artikel meiner Ansicht nach sehr fair das Thema. Ich bin der Überzeugung, dass von der wissenschaftlichen Community verschlafen wurde einem Marc Prensky rechzeitig Einhalt zu gebieten. Prensky tingelt immer noch um die Welt, um „seine Weisheiten“ möglichst öffentlichkeitswirksam unter den Meinungsführern und Medien zu streuen.
Wie ich z.B. den Aufzeichnungen des Livestream der Pressekonferenz des Palomar5-Projektes (ein 6-Wochen-ThinkTank-Spinoff der DNAdigital-Initiative, der sehr sehr aufwändig und mit sehr hohen Erwartungen durchgeführt wird) entnehmen konnte, wird Marc Prensky auch dort auf der Abschlussveranstaltung bzw. dem Summit am 23./24. November eine große Bühne bekommen, seine zweifelhaften Thesen vom „Digital Immigrant“ direkt an einen Teil der Unternehmensführungen dieses Landes zu adressieren.
Der entsprechende Ausschnitt aus der Pressenkonferenz, der Prensky als Keynotespeaker ankündigt (vorgestellt von Hans Raffauf)
Wie man merkt, lässt mich der Begriff nicht los – ich ihn aber auch nicht. :-)
Ich habe den heutigen Samstag mal genutzt meinen ganzen Blogpost nochmal komplett zu lesen – zwecks Reflexion. Ich zitiere mich mal selbst von dem Textanfang ganz oben (damit mannicht scrollen muss):
Das Wort “Native” beschreibt den Einheimischen oder auch Ortsansässigen und Ureinwohner. Dieser Ureinwohner hat keinerlei besondere Leistung erbracht oder ähnliches, er ist halt einfach ein Ureinwohner und oft ist das Wort des Ureinwohners positiv konnotiert mit tiefer kultureller Verwurzelung und dem leben von kulturell erprobten Werten.
Je mehr ich über diese Wahrnehmung meinerseits nachdenke, umso mehr verfestigt sich bei mir das Gefühl, dass es sich mit den sogenannten „Natives“ eigentlich 100% andersrum verhält: Die sogenannten „Natives“ sind ja gar nicht tief verwurzelt in der Kultur des Netz und haben sie auch nicht von den ersten Mailboxen (BBS) an mitgelebt. Die Nativen, die Ureinwohner, das sind die, die noch für den ersten höchst primitiven Unix-Browser, den MOSAIC Webseiten „designed“ haben.
Das Maximum an Design waren damals animierte GIF-Bilder und das BLINK-tag. Ich habe damals Webpages erzeugt und musste noch vergleichsweise komplizierte UNIX-Befehle eingeben, um meine handgeschriebenen HTML-Dateien (text) und Bilder (binaries) 1993 auf einen Server zu übertragen mit einer TELNET-Verbindung und per FTP-Befehlen. Wie heimisch im Netz kann man sein, wenn man diese kulturellen Wurzeln gar nicht hat?
Das Wort “Immigrant” beschreibt den Einwanderer oder wie man in Bayern sagt den Zug’rasten, den der von Außen in die Welt der Natives hinzukommt. Oft ist der Begriff “Einwanderer” negativ konnotiert, weil Einwanderung bzw. Migration oft mit kulturellen Verwerfungen und Konflikten zwischen zwei Gruppen einhergeht.
Einwanderer sind also im eigentlichen Sinne die jungen Leute, die jetzt in facebook ihre Bilder hochladen und ihren Status aktualisieren. Aber ich würde sie einfach nicht als Einwanderer sehen, sie sind eben erst später auf die große Party gekommen. Das bedeutet, dass sie zwar den Beginn der Party verpasst haben, aber dafür eventuell deutlich länger feiern können… und ja, vielleicht sprengen sie auch die ganze Party.
Ich bin jedoch dafür einfach erstmal gemeinsam Party zu machen und sich nicht in zwei Lager (Native/Immigrant) per Königsmechanismus spalten zu lassen. Dem Netz ist es normalerweise völlig egal, wie alt jamand ist, welches Geschlecht er hat, welche Religion, welche Herkunft usw. – On the internet nobody knows you are a dog – diesen riesigen Vorteil der Blindheit des Netzes gegenüber dieser Merkmale sollten wie doch verdammt nochmal so gut wie nur möglich zu nutzen. Die ganze Kultur der Newsgroups z.B. fußt auf dieser agnostischen Eigenschaft des Netzes. Es ist egal WER jemand ist, solange er etwas beizutragen hat.
Wenn ich den Aktivisten der Netzspaltung – wie z.B. einem Marc Prensky – eines von ganzem Herzen wünsche, dann ist das das Aufkeimen einer entsprechenden Gegenkultur wie z.B. Straight Edge (siehe auch „Straight-Edge-Szene: Die härtesten Weicheier der Welt“). Das wären dann die Totalverweigerer des Mitmachnetzes, und zwar nicht weil sie es nicht können, sondern weil sie es nicht wollen. Demonstrativer Verzicht auf facebook, myspace & Co., keine twitpics, kein Videoupload, keine geshared’ten Folien, Links oder gar Weltansichten in Blogs als Gruppeninhalt. Echter sozialer Austausch im Ofline-Underground, face-2-face als Alleinstellungsmerkmal.
Soweit man Wort zum Wochenende :-D
Update 7.8.2014
Aus aktuellem Anlass… der Guardian schreibt „Ofcom: six-year-olds understand digital technology better than adults“und jemand versucht den Digital Native damit also wiederzubeleben in Form eines Rebranding als „Digital Quotient“ (so eine Art Intelligenz Quotient für das Rumtappen auf einer Glasscheibe). Und hey, da geht es nicht ohne Superlative…
Children, growing up with YouTube, Netflix and Spotify, learning to use smartphones or tablets before they are able to talk
Ja, fragt sich warum. Vermutlich ist auf einem Tablet rumtappen einfach gehirnmäßig deutlich einfacher als die Sachen die wirklich richtigen Lernenaufwand bedeuten. Die Kinds sind einfach angstfreier und tappen halt auf alles was sich bewegt. Aber hey, dadurch sind sie natürlich den anderen um Jahre voraus. Wir werden den Sprung ins nächste Sonnensystem schaffen mit Rumtappen auf einer Glasscheibe. Wir werden den Klimawandel bekämpfen mit Rumtappen auf einer Glasscheibe. Wir werden AIDS, Ebola und Krebs heilen mit Rumtappen auf einer Glasscheibe. Wir werden sauberes Trinkwasser und Lebensmittel produzieren mit Rumtappen auf einer Glasscheibe. Ganz sicher! Man muss nur fest genug dran glauben. Kinder können das! Diese lustigen Ingenieure und Wissenschaftler sind alles Aufschneider, die vorgeben, das Dinge kompliziert seien. Dabei reicht Rumtappen auf einer Glasscheibe.
Why do I blog this? Eine lebhafte Diskussion im Netzwerk DNAdigital hat mich angeregt tiefer darüber nachzudenken, ob ich ein „Digital Native“ bin. Ich finde den Begriff aus vielerlei Gründen unglücklich, weil er eine künstliche Grenze schafft, wo eigentlich keine sein müßte. Niemand kann ein „Digital Native“ werden, aber hey, werdet doch „Connectors“ bzw. „Trailblazers“, das kann man ohne weiteres lernen. Und ganz nebenbei hört sich doch das Wort „Pionier“ oder „Wegbereiter“ weitaus positiver an, oder?