Geliebte Ziffernnoten… …oder wie schön es ist Dinge in SchubkĂ€sten bzw. auf einem eindimensionalen natĂŒrlichen Zahlenstrahl sortieren zu können. Die Logik von Schulnoten hat sich mir nie wirklich erschlossen, wie auch, deren Zustandekommen ist ja ein höchst intransparenter Prozess. Das Problem ist aus meiner Sicht, dass die komplexe VieldimensionalitĂ€t der Bewertungskriterien fĂŒr ein Lebewesen (selten dessen Leistungen) das dort „bewertet“ (dem also ein Wert zugeschrieben wird) werden soll auf eine schön einfache EindimensionalitĂ€t abgebildet wird. Dabei steht man mathematisch vor dem Problem, dass letztlich eine Gewichtung der Dimensionen die „bewertet“ werden erfolgen muss. Es muss also eine Transformationsregel existieren z.B. eine Einheit KreativitĂ€t ist soviel wert wie zwei Einheiten FleiĂ. Was also der GrundschĂŒler in Mathematik so ziemlich als erstes lernt, nĂ€mlich, dass man Ăpfel nicht mit Birnen zusammenwerfen kann, genau das wird mit der Ziffernnote gemacht. Mathematisch/statistisch korrekt spricht man dann allerdings fairerweise von einem Indikator. Hier gibt es eine schöne Ăbersicht der Fehlerquellen dieses Indikators und zur Leistung insgesamt.
Wie schlecht dieser Indikator tatsĂ€chlich funktioniert, das hat Herr BrĂŒgelmann (Arbeitsgruppe Primarstufe, der Uni Siegen) nun einmal mehr untersucht (und davor Herr R. Ulshöfer und davor Herr G. Schröter und davor Finlayson, Eells, Osnes, Baurmann, Coffman, Starch/Elliot, Weiss, Carter, Hadley, Ingenkamp, Hartog/Rhodes, Kvale, Moeller, Birkel, …). Und das Ergebnis? „Die Zeit“ schreibt „Schlechte Zensur fĂŒr Noten“ – das erinnert an das Paradoxon einen Kretaer zu fragen, ob es stimmt das alle Kretaer lĂŒgen – dumme Zeit!
Herr BrĂŒgelmann jedenfalls hat seine Ergebnisse ganz frisch in einer Kurzfassung eines Notengutachtens zusammengestellt. Die Langfassung kann seit dem 13. Juni beim Grundschulverband bestellt werden, der das Gutachten beschreibt mit den Worten: „Ziffernzensuren und ihre Alternativen im empirischen Vergleich. Eine Wissenschaftliche Expertise des Grundschulverbandes.“
Fazit:
Wer an Ziffernnoten festhalten will, weil sie angeblich objektiv und vergleichbar seien bzw. erforderlich, damit SchĂŒlerInnen sich auf die Anstrengungen des Lernens einlassen, findet in der Empirie keine stĂŒtzenden Belege fĂŒr seine Position.
Update 19.2.2007
Gabi Reinmann hat einen weiteren Beitrag mit dem Titel „Die Panik geht um: Benoten wir zu gut?“ erstellt. In Ihrem Text kritisiert die Hochschullehrerin die Situation wie folgt:
Wir denken ja fast nur noch in der Kategorie âassessment of learningâ (vor allem seit Bologna) und setzen damit die Tradition der Schule fort, die in den meisten FĂ€llen nicht daran interessiert ist, was SchĂŒler können, sondern was sie nicht können, und wo sie Fehler machen.
Sie verbindet die angeblich zu guten Noten eher mit einer Entwicklung, die begrĂŒĂenswert erscheint, nĂ€mlich der Verweigerung der Schullogik von Notenvergabe zu folgen – die wenig positive Eigenschaften hat, SchĂŒler erfolgreich bis zum Lernziel zu fĂŒhren – und stattdessen ein zukunftsfĂ€higes, zielorientiertes „assessment for learning“ zu betreiben:
Ich behaupte einmal, dass zumindest bei einem Teil der Disziplinen und FĂ€cher, die man jetzt an den Pranger stellt wegen ihrer angeblich zu guten Noten, unter UmstĂ€nden dieser Grund vorliegt, nĂ€mlich dass Hochschullehrer nicht gewillt sind, die Schullogik der Leistungserfassung weiter fortzusetzen, dass sie lieber ein âassessment for learningâ praktizieren.
Update 29.6.2007
Das Thema Noten ist doch immer wieder fĂŒr eine riesige Schlagzeile zu gebrauchen, das dĂŒrften auch die groĂen Medienverlage wissen. Wer benotet ist in der MachtausĂŒbenden Funktion, und dieses bislang einseitige VerhĂ€ltnis aufzuheben, ist www.spickmich.de angetreten umzusetzen.
Und sofort hat es wieder einmal „Booom“ (Spiegel Online) gemacht in Sachen Noten: www.spickmich.de ist als Plattform zur Bewertung von Lehrern angetreten, und… wie sollte es auch anders sein, die Lehrer schicken die RechtsanwĂ€lte (Beleg als PDF). Ein Machtaffront gegen ein Machtmonopol, so werden es wohl viele Lehrer sehen. (Ich frage mich wie es wohl die angehenden Lehreramtsstudierenden der Uni Bremen sehen, ich werde sie demnĂ€chst mal fragen!)
Ich glaube diese Denke werde ich jedenfalls nie verstehen, wenn jemand mir ein Feedback gibt, den Rechtsanwalt zu schicken ist eine höchst fragwĂŒrdige Vorbildfunktion. Vielleicht prozessieren deshalb soviele SchĂŒler und Eltern um ihre Abiturnoten gegen Lehrer. Wie dem auch sei, anstatt sich mit Feedback auseinanderzusetzen, werden die Schutzschilde hochgefahren und selbst Schulleiter sind sich nicht zu schade, ihre eigene Macht zu missbrauchen, um in Lautsprecherdurchsagen vor www.spickmich.de zu warnen (wobei das wohl de facto eher als Werbung nach hinten losgegangen sein dĂŒrfte).
Statt zu prozessieren, sollte die Schule sich vielleicht einmal die Benotungsfunktion von spickmich.de genauer ansehen. Denn vor allem eines ist bemerkenswert: Die Noten bei spickmich.de beheben ein Defizit, das Schulnoten seit Jahrhunderten haben! Die Noten bei spickmich.de bewerten klar und aussagekrĂ€ftig EIN EINZIGES Kriterium, z.B. „Menschlichkeit“, „UnterrichtsqualitĂ€t“, „KreativitĂ€t“, „PrĂŒfungsgebahren“ usw. Die GESAMTNOTE wird nur angegeben, als rechnerischer Index zur groben Orientierung, weil der Computer die Daten eben leicht zu einem arithmetischen Mittelwert berechnen kann, aber interessant fĂŒr die SchĂŒler UND die Lehrer sind die EinzelausprĂ€gungen der Bewertungsmerkmale und nicht die Gesamtnote.
Hier wird von SchĂŒlerseite eine erstklassige Innovation in dem Benotungsinstrument vorgestellt und das Einzige was deutschen Schulen dazu einfĂ€llt ist es gegen die Innovation mit dem Rechtsanwalt vorzugehen. Ich kann dazu nur ganz persönlich sagen, das Lehrer und Schulleitungen die das tun, sich damit vor allem eines geben: Ein eloquent selbstausgestelltes Armutszeugnis!
Um es nocheinmal deutlich und mit Nachdruck zu sagen:
Ich finde was spickmich.de aufgebaut hat klasse. :-D
Ich finde es nicht nur klasse, sondern auch notwendig, denn ohne Druck von Aussen geht es ja scheinbar nicht. Die nĂ€chste „GeschĂ€ftsidee“ wĂ€re aus meiner Sicht, dass die SchĂŒler sich in einer Plattform gegenseitig ebenfalls Noten geben können. So könnte durch die Kollektive Bewertung bei der jeder SchĂŒler einer 25-köpfigen Klasse 24 Bewertungen erstellt, eine wesentlich breitere Bewertungsbasis entstehen, die aufgrund des viel höheren N ganz anderen Kriterien genĂŒgt.
Update 10.8.2008
Warum Zensuren (engl. Grades) das Lernen negativ beeinflussen hat ein Beitrag aus den USA belegt: Alfie Kohn schreibt in seinem Beitrag „From Degrading to De-Grading“ im HIGH SCHOOL MAGAZINE darĂŒber. Das Bamboo-Projekt greift das auf und schreibt „De-Grading the Workplace“, denn das gleiche gilt fĂŒr den Beruf. Zitat:
- Grades tend to reduce student interest in learning.
- Grades tend to reduce students‘ preferences for engaging in challenging tasks.
- Grades tend to reduce the quality of students‘ thinking.
Stoff zum Nachdenken!!
Update 7.2.2009
Ohhh, hier kommt einer perfekte ErgĂ€nzung meines Beitrags. Ein weiterer Baustein der Argumentation gegen die derzeitige Benotungspraxis. Im Weblog shift schreibt die Bloggering Lisa Rosa in dem Beitrag „Der Fall Czerny und die schulische Notengebung“ wie die bayrische Grundschullehrerin Sabine Czerny disziplinarische MaĂnahmen zu spĂŒren bekommen hat, weil sie Noten an die SchĂŒler vergeben hat, die nicht der Normalverteilung entsprachen. Die berliner Tageszeitung TAZ hat ĂŒber diese Disziplinierung einer bayrischen Lehrerin berichtet (Artikel 1, Artikel 2). Da das ganze in MĂŒnchen stattfand, ist das fĂŒr mich Anlass genug, dieses Posting auch in die Kategorie MĂŒnchen mit aufzunehmen. Weitere Hintergrundinfos zu diesem Ereignis gibt es in einem Beitrag „Abgestrafte Lehrerin: Zu gut fĂŒr dieses Schulsystem?“.
Update Freitag der 13.2.2008
Offenbar ein schlechter Tag fĂŒr spickmich.de, denn der Verband Bildung und Erziehung hat spickmich abgestraft heute.
âDer Verband Bildung und Erziehung (VBE) sieht in dieser Website den lehrerpolitischen Dauer-TiefschlĂ€ger des Jahres 2008â
Womit die Pauker ja mal wieder bewiesen hĂ€tten, dass Bewertung nur in eine Richtung genehm ist, vom Lehrer zum SchĂŒler. Umgekehrt ist es natĂŒrlich Schikane, klar. Statt sich den RealitĂ€ten neuer Transparenz zu stellen, denken die Lehrer immer noch, sie könnten im Verborgenen agieren im Raumschiff Schule. Vielleicht sollte spickmich.de im Gegenzug einfach den den „Nassen Sack“ verleihen. Ich weiĂ sowieso nicht, was Negativ-Auszeichnungen Konstruktives bewirken sollten. Es war klar, dass gerade aus dem Erziehungsbereich mal wieder eine Negativauszeichnung kommt. Defizite aufzeigen und auf andere mit dem Finger zeigen, das ist ja auch viel einfacher als die guten Dinge zu loben. Mal wieder ein eloquent ausgestelltes Urteil ĂŒber den VBE selbst. Wer bewertet verrĂ€t mindestens soviel ĂŒber sich selbst, wie ĂŒber den Bewerteten. Gratulation dem VBE fĂŒr das nicht Einstecken können aber nur Austeilen können.
Why do I blog this? Ich interessiere mich fĂŒr GesetzmĂ€Ăigkeiten. Da bei Schulnoten mit schöner RegelmĂ€ssigkeit eine Normalverteilung heraus kommt, fragt man sich doch zwangslĂ€ufig warum? Ist das ein Naturgesetz? Kann ja eigentlich nicht sein, denn es ist etwas Kulturelles was der Mensch selbst erschaffen hat. Eigentlich kann es ja zudem nicht sein, dass jede Klasse eine ideale Stichprobe fĂŒr die Gesamtheit der SchĂŒler in den Schulen darstellt (zumal die Notenvergabeverfahren ebenfalls in der Lehrerschaft einer UnregelmĂ€Ăigkeit unterligen mĂŒssten, also zwei UnregelmĂ€ssigkeiten zusammentreffen mĂŒssten und damit noch unregelmĂ€Ăigere Ergebnisse erzeugen sollten). Das zumindest sagt mir mein normaler Menschenverstand. Ich wĂŒrde eher extrem links- und rechtsschiefe Verteilungen erwarten. Mein Vorschlag wĂ€re (angeleht an das Pareto-OptimalitĂ€tsprinzip) zwei Indikatoren gleichzeitig durchgĂ€ngig fĂŒr die gesamte Schulzeit zu haben. Das wĂŒrde bedeuten einen neuen komplementĂ€ren Indikator einzufĂŒhren oder besser nur ein solitĂ€res Bewertungskriterium durchgĂ€ngig mitzufĂŒhren – quasi die Doppelnote. Am Besten wĂ€re es wenn diese Bewertung durch Peer-Bewertung der SchĂŒler unter sich zustande kĂ€me. Dann hĂ€tte man eine weitere wichtige Dimension und eine Vergleichbarkeit zwischen SchĂŒler- und LehrereinschĂ€tzung hinzugewonnen. Das wĂŒrde die Situation nach meiner Ansicht schon um 80% verbessern.