Do-it-yourself-Mautbrücke: Lärmüberwachung von Straßen zu Forschungszwecken

Mittlerweile liegt das Experiment, dass ich hier vorstellen möchte, schon eine Weile zurück. Eine Aufräumaktion auf meiner Festplatte ließ mich über dieses Experiment stolpern. Als ich noch in Bamberg/Bayern beschäftigt war, habe ich an einer ziemlich stark befahrenen Straße gewohnt. Die Luitpoldstraße ist in Bamberg eine wichtige Straße in die Stadt hinein und heraus. Trotzdem ich im 3. Stockwerk wohnte, war der Straßenlärm eine ganz schöne Belastung und mich interessierte nach einer Zeit, wann eigentlich die angenehmen Ruhezeiten existieren.

Abbildung des Verkehrsaufkommens von 24 Stunden
Abbildung des Verkehrsaufkommens von 24 Stunden (Anklicken für grosses Bild!) [als PDF]

Ich hatte mir in den Kopf gesetzt das herauszufinden, egal wie. Und das hat auch geklappt wie die Grafik oben zeigt. Als mir dann zufälligerweise die Software EvoCam in die Hände fiel kam mir eine Idee. EvoCam ist ein Programm, mit dem man eine an den Rechner angeschlossene Kamera zu einer WebCam machen kann, also eine Kamera, die regelmäßig Bilder aufzeichnet. Das Besondere an EvoCam jedoch ist eine Funktion, die „Bewegungssensor“ genannt wird, ganz ähnlich zu den Mautbrücken, die es auf Deutschlands Autobahnen gibt. Man kann in einem Kamerabild einen rechteckigen Ausschnitt definieren, der auf Veränderungen im Bild überwacht wird. Tritt eine solche auf, dann kann EvoCam verschiedene Aktionen bzw. Befehle ausführen.

Tag und NachtansichtDas brachte mich auf die Idee, den Straßenverkehr vor meiner Wohnung mittels EvoCam durch das Fenster hindurch zu beobachten. Es wurde natürlich nur der sichtbare Öffentliche Raum abgebildet und keine Personen, diese sind wenn dann nur Beiwerk der Bilder. Ich konnte die Kamera tatsächlich so aufstellen, dass ich einen prima Blick auf beide Fahrzeugspuren der Straße hatte, da die Straße vor der Wohnung einen Knick machte.

Da ich wie gesagt die alten Reste dieses Experiments auf meiner Festplatte gefunden habe, möchte ich diese gerne der Allgemeinheit zur Verfügung stellen. Und damit ich auch sicher bin, dass das alles noch funktioniert, habe ich mir zunächst die aktuellste Version von EvoCam (v3.6.1) nochmal heruntergeladen aus dem Internet (Man darf es 15 Tage kostenlos probieren, was völlig reicht!) und alles nochmal selbst ausprobiert.

Man rüstet zunächst in dem Bedienfeld „Items“ der Software zwei „Sensor“-Items ein (für die rechteckigen Bewegungssensoren) und platziert diese passend im Bild. Ich habe noch ein „Caption“- und ein „Clock“-Item hinzugefügt, um Fotos zu machen. Das ganze sieht dann wie rechtsstehend (siehe Bild) aus. Nun muss man noch festlegen, was passieren soll, wenn eine Sensorfläche Bewegung detektiert.

Das habe ich (damals habe ich dafür fast 4 Stunden gebraucht bis es durch Probieren lief) mit einer Kombination von AppleScript und Unix-Shell-Befehlen definiert. EvoCam sollte bei jeder Bewegung die es feststellt einfach nur Datum und Uhrzeit aufzeichnen, und die Strassenseite des Ereignisses notieren. Unter Unix/Mac OS X gibt es den einfachen Befehl „date“, der zuverlässig das Datum und die Uhrzeit anzeigt. Mit AppleScript wußte ich nicht, wie man Dateien anlegt, denn ich wollte das natürlich in einer Datei 24 Stunden nonstop notieren lassen. Also habe ich ein Unix-Shell-Script geschrieben mit folgendem Inhalt:
shellscript.png

applescripteditor.pngDieses Script ruft den „date“-Befehl auf, fügt noch den Text „LEFT“ oder „RIGHT“ für die Strassenseite hinzu und fügt den Text an die Datei „trafficCount.txt“ die ich im temporären Verzeichnis speichere.

EvoCam kann keine Unix-Shell-Scripte direkt ausführen, daher musste ich den Aufruf für das Shell-Script in ein AppleScript mit folgendem Inhalt tun:
applescript.png

Wichtig: Das Script muss den korrekten Pfad zu dem Unix-Shell-Script enthalten und als „Nur ausführbar“ gesichert werden. Ob es funktioniert kann man mit dem „Ausführen“-Knopf vorher prima testen!

configuremotionsensor.pngNun konfiguriert man EvoCam (siehe Bild rechts; anklicken!), welches AppleScript es bei Sensoraktivität ausführen soll, um wiederum das entsprechende Unix-Shell-Script auszuführen. Dazu wählt man aus „Run Script“ und weist mit dem „Script…“-Button das AppleScript zu, das ausgeführt werden soll für den Sensor. Dann sollte man noch die „Sensor recharge time“ – die festlegt, nach wieviel Sekunden sich der Sensor „beruhigt“ – auf einen passenden Wert stellen. Hier haben sich 2 bis 3 Sekunden bewährt, solange brauchte es, bis das Auto den Sensorbereich wieder verlassen hatte. Große Busse werden danm zwar zweimal gezählt, aber das stimmt ja auch im Groben und Ganzen. Denn große Fahrzeuge sind besonders laut!

Das erschreckende Ergebnis meiner Untersuchung damals: Ruhe in meiner Straße gab es eigentlich nur von 23 Uhr bis 5 Uhr früh, also ganze 6 Stunden. Das hat mich dann auch bewogen umzuziehen, zumal die Fenster keine Lärmschutzverglasung hatten.

Die vollständigen Ergebnisse und alle notwendigen Script- und Anleitungsdateien um dieses Experiment selbst durchzuführen, stelle ich nun hier als Downloadpaket zur Verfügung. Viel Spaß allen Hobby-Straßenverkehrsforschern dieser Welt!

Do-it-yourself Mautbrücken-Paket downloaden (Zip 680 kb)

Why do I blog this? Ich finde man kann mit Computern so viele nützliche Dinge anstellen, die auch noch Spaß machen. Ständig ist in den Medien von Kameraüberwachung überall die Rede und der Bürger soll damit überwacht werden. Die Rechner bieten aber auch gute Möglichkeiten selber mal aktiv zu werden. Ein Projekt das ähnlich ist zu meinem Experiment ist zum Beispiel das Tripwire-Projekt des MIT Media Laboratory, mit dem Luftverkehrslärm und die Einhaltung von Flugverbotszeiten auf ähnlich spannende Weise technisch überwacht wird. Ich möchte mit dieser Anleitung Möglichkeiten aufzeigen, wie man mit Technik, die mittlerweile in jedem Haushalt verfügbar ist (Kamera & Computer), leistungsfähige Forschung machen kann.

Ich weise ausdrücklich darauf hin, dass ich mit dieser Anleitung NICHT zur Überwachung des öffentlichen Raums aufrufen möchte! Während meines Versuchs ist kein einziges Videobild entstanden, auf dem Personen festgehalten wurden oder identifizierbar sind. Und das ist auch nicht nötig! Ich möchte jedoch dazu aufrufen, die Mittel die man hat zur Verbesserung der Lebensbedingungen aller einzusetzen. Wer z.B. an einer viel befahrenen Straße lebt, der kann selbst eine Verkehrszählung durchführen, um sich wissenschaftliche Daten zu erzeugen. Das war schließlich auch mein Antrieb hinter diesem Experiment.

Nachtrag: Weiterer schöner Hack der Wattzwitscherer.

Roadshow zur SCOPE07 in Hamburg

scope_roadshow-kopie.jpgGestern war ich in Hamburg auf einem Treffen für die SCOPE07 – The Future of Learning, bei dem im Rahmen einer Roadshow in verschiedenen Städten Deutschlands im Vorfeld der Konferenz, die Zukunftstrends des Konferenzprogramms vorgestellt werden. Zugleich findet durch die Veranstalter mittels der Roadshows eine feinere Justierung der Schwerpunktthemen auf die Interessen der Konferenzteilnehmer statt.

komm_raum-2.pngAuf der gut besuchten Veranstaltung habe ich gestern versucht den Zukunftstrend „Raum und Kommuniktion“ den Besuchern näherzubringen, den ich gemeinsam mit Barbara Staib (hier ein Interview mit ihr) auf der SCOPE07 vorstellen werde. Eine Trendvorstellung dazu gibt es im SCOPE07-Weblog zu sehen und in Kürze wird es auch noch ein kurzes Videointerview geben. Fragen der Roadshow-Teilnehmer im Anschluss an meine kurze Trendvorstellung zielten vor allem auf den Begriff des Raumkontext ab. Was ist das, wie verändert sich dieser durch Kommunikationswerkzeuge wie E-Mail, Chat, Twitter, Skype, usw. und warum hat der reale und virtuelle Raumkontext einen bedeutenden Einfluss für das Lernen aber auch das Arbeiten?

Ich freue mich bereits auf die Konferenz am 22. November, auf der es dann die Gelegenheit geben wird, neue Einschätzungen zu gewinnen hinsichtlich der Bewertung von Raum und Kommunikation und der Bedeutung des Raumkontexts (virtuell & real) auf Lern- und Arbeitsprozesse.

t=+35, nach dem Urknall der Computerspiele

pongfathers.pngEin Artikel des Stern hat mir nochmal vor Augen geführt, wie sonderbar sich die Debatte um das Dauerthema „Sind Computerspiele gut oder böse?“ wohl über 35 Jahre hinweg entwickelt haben muss. Eines der ersten richtig schön Spaß bereitenden Spiele ist nämlich 35 Jahre alt geworden, „Pong“. Darüber informieren kann man sich im Atarimuseum, das eine Menge Fakten rund um den Klassiker und viele andere Spiele zusammengestellt hat mit schönen Originalbildern. Aber das ist natürlich nur ein Teil der Legende.

gameblm.gifRichtig leben tun Klassiker wie z.B. Pong, Tetris, Pac Man und Space Invaders erst in den vielen, vielen kreativen Neuauflagen, wie dem Human Pong, der Pong Mechanik, dem Animated Retro Table Tennis Shirt, oder gar dem Blinkenlights Interaktiv Pong.

Nun die große Frage: Ist Pong schuld daran, dass der Mensch des 21igsten Jahrhunderts seinem Spieltrieb nachgeht und nach wie vor ein weißes Quadrat mit einer weißen Linie vor dem schwarzen Nichts bewahrt? Worin genau liegen die Unterschiede zwischen „SpaceWar!“ (einem Computerspiel, dass bereits weitere 10 Jahre vor Pong entstand) und „Kuma War“? Interessant auch, dass Pong einen wenn auch eher nicht so bekannten analogen Vorgänger hatte, Tennis for two umgesetzt auf einem Oszilloskop.

Vielleicht hilft hier ein Artikel des Pong-Erfinders weiter, Titel „Relationships between fun and the computer business“. Darin beschreibt Nolan Bushnell warum u.a. auch „Collaborative computing“ ein Kind des Computerspiels ist und somit Spiele Relevanz für Businessanwendungen haben.

Update 24.2.2014
Gerade hab ich mal wieder „Hackers“ (IMDB) gesehen. Dabei hab ich ganz zum Schluss eine schöne Beobachtung gemacht.

Laut Wikipedia kam der „Hackers – Im Netz des FBI“-Film 1995 raus. Interessant ist, dass Blinkenlights 2001 vorgestellt wurde. Interessant dran ist, dass es im Film eine Schlussszene gibt, in der das liebenswerte Hackerpärchen im Pool planscht und Dade Murphy alias Zero Cool, alias Crash Override für sein Herzblatt Kate Libby alias Acid Burn den meiner Ansicht nach ersten LOVELETTER auf die Skyline von New York zaubert, und zwar hier:

blinkenlights_alpha_550

Ich zitiere mal aus dem Blinkenlights Projekt die Beschreibung zum LoveLetter:

Sharing love

So when people turned to us with their superpersonal movies, we got back to them handing out a personal code that they could use to activate their movie at will at any time. By calling the Pong game, waiting for the connection to become established and the entering the code using the telephone’s keyboard they could move the game aside and start their movie on the building.

The love letter was shown as long as the telephone connection remained established giving everybody enough time to impress and kiss. Once the call ends, Blinkenlights just returned to its ordinary routing of presenting more of the impressive animations so many people have contributed to the project.

Der wohl schönste/bekannteste/kitschigste/aufwändigste(?) auf jeden Fall vergleichbar zu „Hackers“ äquivalenteste LoveLetter bei Blinkenlights war dieser hier:

Anna LoveLetter Blinkenlights Animated GIF

blinkenarea_logoEine detaillierte Vorstellung zu diesem Film und Blinkenlights gibt es hier auf dem 18c3.

Ein Ausflug in die BlinkenArea lohnt sich übrigens auch sehr.

Why do I blog this? Ich finde Spielen gehört zum Menschen einfach dazu. Seit 35 Jahren gibt es nun bereits Pong und Computerspiele werden seitdem immer populärer. Sogar Delfine spielen z.B. mit Luftringen unter Wasser, warum sollten wir das also nicht auch tun? Und letztlich gilt ja auch, wer sich auf ein neues Spiel einlässt der ist auch bereit etwas Neues zu Lernen. Ich frage mich auch, ob Eltern wohl schon damals ihre Kinder durch Pong-spielen für gefährdet hielten?