Wenn es mal so richtig utopisch, abgehoben oder wahnwitzig wird, dann landet das genau HIER! Aber auch Veränderungen, der Bruch mit dem Gewohnten findet sich hier.
Seit wenigen Wochen ist ein neues Buch erhältlich mit dem Titel „Technologie, Imagination und Lernen: Grundlagen für Bildungsprozesse mit Digitalen Medien“, geschrieben hat es Heidi Schelhowe, Professorin und Leiterin der Forschungsgruppe Digitale Medien in der Bildung am Fachbereich Mathematik/Informatik der Uni Bremen und Mitglied im Technologiezentrum Informatik ist.
Das Buch handelt von den Aufregungen und Turbulenzen, die Digitale Medien in die Welt des Lernens bringen. Vor allem aber zeigte es auf, wie sich das Leben junger Menschen mit der Digitalen Kultur verändert. Es zeigt Beispiele, wie mit den Veränderungen umgegangen werden kann und stellt Thesen zur Diskussion, was Bildung mit Digitalen Medien heute bedeuten kann. Kapitelüberschriften wie z.B. „Sichtbarmachen, was hinter dem Interface passiert“ machen neugierig auf diese Lektüre und stehen in Einklang mit den Forschungszielen Ihrer Arbeitshgruppe, in der u.a. Soft- und Hardware für Kinder und Jugendliche entwickelt, schulische und außerschulische Bildungsumgebungen mit Digitalen Medien gestaltet und evaluiert werden. Das Buch gibt dann auch zugleich einen interessanten Einblick in die Arbeit der Forschungsgruppe um Schelhowe.
Das Buch ist bei Waxmann erschienen und vielleicht besonders gut geeignet, im Rahmen der ganzen Web 2.0 Diskussion den Blick für den kulturellen Einfluss der derzeitigen Internet- und Mediendynamik nicht ganz aus dem Auge zu verlieren.(Details auch hier).
Auf dem „Communityportal für Bildung Medien und Lernkulturen“ der Universität in Krems, hat Prof. Michael Wagner einen kritischen Beitrag mit dem Titel „Wider den Begriff Web 2.0“ verfasst, den ich sehr, sehr lesenswert finde. Wagner kritisiert darin, einerseits den zunehmend inflationären Gebrauch des Begriffs selbst, aber auch den Gebrauch der mittlerweile zur Ikone aufgestiegenen Endung „2.0“ für alle möglichen Dinge. Diese Kritik findet statt vor dem Hintergrund, dass der Begriff selbst kaum eine griffige Definition hat. Genau dies kritisiert Wagner indem er schreibt:
Man sollte eigentlich Bezeichnungen wählen, die so wenig Interpretationsspielraum wie möglich erlauben.
Wagner plädiert daher dafür, sich an der Definition des MIT zu orientieren, Zitat:
Dort spricht man im Zusammenhang mit Web 2.0 von partizipativen Technologien. Der Begriff der „Partizipation“ soll dabei zum Ausdruck bringen, dass der Konsument oder die Konsumentin nicht mehr passiv Medien konsumiert sondern selbst aktiv an einem kollaborativen Medienproduktionsprozess beteiligt ist.
Dem kann ich mich nur anschließen. Das stimmt aus meiner Sicht auch gut überein mit anderen Sichtweisen, die den Wandel darin sehen, dass es eine Entwicklung vom „Read-only-Web“ zum „Read-and-Write Web“ gibt. Diese Definition allein erklärt aus meiner Sicht aber noch nicht die Dynamik die wir sehen.
Wieso sollten plötzlich so viele Menschen etwas Eigenes „produzieren“ oder schreiben wollen? Prinzipiell ging das ja schon mit den ersten Homepages. Nein, ich glaube wer zu Beginn des Internet im Netz etwas schreiben wollte, der hätte das auch tun können (vielleicht war es komplizierter, teurer und langsamer als heute, aber wenn man gewollt hätte…). Ich denke vielmehr, dass die Dynamik der Netzentwicklung, die oft mit „Web 2.0“ bezeichnet wird einen anderen Motor hat. Dieser Motor ist etwas flapsig ausgedrückt das Prinzip „Gleich und Gleich gesellt sich gern“! Es ist die in den Webdiensten integrierte Funktion bzw. ein diesen Diensten inhärenter Algorithmus, der Menschen anhand von Content den sie produzieren (z.B. Weblog Post mit einem Tag, delicious Bookmark mit Tag, Flickr-Bild mit Tag) und den sie konsumieren (z.B. Youtube-Film mit Tag, SlideShare-Folien mit Tag, Amazon-Buch mit Collaborative Filtering, iTunes Store mit Collaborative Filtering) zusammenführt. (Dank an dieser Stelle an Heidi Schelhowe für die Anregung zu dieser Algorithmus-Sichtweise.)
Der dynamische Motor ist das soziale Bedürfnis nach Gemeinsamkeit und einer Verbindung zu anderen „gleichen“ oder doch zumindest ähnlichen Nutzern. Die Partizipation allein ist aus meiner Sicht deshalb eher Mittel zum Zweck, um ein eigenes Interessenprofil bekannter zu machen, Interessenten werden dann über die zugegeben recht primitiven Profile (auf „Tag“ bzw. Schlagwort-Basis und z.B. via Trackbacks) zusammengeführt. Das funktioniert trotz oder gerade wegen der Einfachheit erstaunlich gut, weil die Schlagworte und Trackbacks von Menschen ausgewählt und gesetzt werden. Ich sehe nicht, dass unbedingt ein neuer, revolutionärer Wille zur Partizipation da wäre, aber ich sehe, dass ein ursoziales Bedürfnis nach Gemeinsamkeit bzw. Gemeinschaft die treibende Kraft hinter „Web 2.0“ ist. Das hat man erst kürzlich z.B. an dem Studentenportal studi.vz gesehen, dort ist es die gemeinsame Uni, und die gemeinsamen Gruppen und das „gruscheln“, die Menschen zusammenführen.
Wagner schließt mit dem Fazit:
Aus dem Begriff des „partizipativen Web“ ergeben sich somit einige sehr zentrale Fragenstellungen mit derzeit noch wenig zufriedenstellenden Antworten.
Für mich ergeben sich nicht gleich in erster Linie Fragestellungen, sondern zuerst sehe ich neue Möglichkeiten und Chancen. Die Fragestellungen tauchen erst auf, wenn ich von den neuen Chancen tatsächlich Gebrauch mache und auch mit neuen Folgen bzw. Konsequenzen Bekanntschaft mache. So ist es z.B. durch das „Read-and-Write Web“ viel viel leichter geworden, jemanden wildfremdes im Web durch einen vielleicht etwas harsch oder unachtsam formulierten/geschriebenen Blog-Kommentar zu verärgern. Eine zentrale Frage ist für mich: Wie sieht für diesen Fall die kulturelle Routine aus zur Formulierung von Kommentaren in Weblogs?
Lasse ich es wegen dieses Risikos am Besten ganz bleiben?
Schreibe ich Kommentare lieber nur dann, wenn ich ganz „helle Momente“ habe und sondere nur Geniales ab?
Blogge ich nur mit einem zwischengeschalteten Lektor, der Ausdruck und Rechtschreibung prüft, damit ich mich nicht mit meiner schlechten Rechtschreibung und den Tippfehlern völlig diskreditiere?
Übe ich Disziplin und formuliere stets so als wäre mein virtuelles Gegenüber der einflußreichste Mensch des Planeten, dem ich antworte?
Gibt es Routinen zur Entschärfung von möglichen Kommentar-Konflikten, die ich lernen kann?
Mache ich vor jedem Kommentar ein Profiling des Blogbesitzers mittels Google, nach dem Motto „Wer ist das?“, „Was für einen Status hat er?“, „Was hat er in der Vergangenheit geschrieben?“
Versuche ich einen Mittelweg zu gehen und probiere aus, welche Grenzen es gibt, mit dem Risiko sie vielleicht auch mal zu überschreiten?
Beteilige ich mich besser überhaupt nicht am Web 2.0, denn das könnten meine zukünftigen Arbeitgeber lesen und die haben ja vielleicht gar kein Verständnis für so viel Präsenz ihrer zukünftigen Mitarbeiter im Web?
Update 24.5.2007
Folgenden Film musste ich einfach hier noch anfügen. Er ist unterhaltsam und zugleich macht er einen durch seine Übertreibung wirklich nachdenklich.
Trotz des aufkommenden Web 2.0-„Bashing“ das grade umgeht, muss man ja nicht von einem Extrem ins andere fallen. Ich sehe die positiven Seiten der Internetdynamik und wie man es dann benennt ist eigentlich zweitrangig. (Gefunden via weiterbildungsportal.ch)
Why do I blog this? Zum einen zeigt für mich die inflationäre 2.0-Ikonik auch langsam aber sicher heftige Abnutzungserscheinungen, zum anderen ist der Begriff aus meiner Sicht von vergleichbarer „Nebelkerzen“-Qualität wie der Begriff des Lernobjekts. Ohne klare Begriffe ist jedoch – zumindest in der Wissenschaft – nichts mehr klar. Ein weiterer Grund für dieses Posting erschließt sich nur aus dem kommunikativen Kontext für die beteiligten Personen. :-) Ich hoffe die Geste wird verstanden.
Seit relativ kurzer Zeit taucht bei jedem heise.de-Artikel ein kleiner Knopf neben der Überschrift auf, der die Aufschrift „Vorlesen“ trägt. Klickt man darauf, wird der Text der Meldung als Audiodatei abgespielt, die offenbar mit einer Text-to-Speech-Funktion generiert wurde. Sprechende Machinen kennt man ja zur genüge vom Telefonbanking, aber dieser Schritt zeigt, dass die Maschine im Vorlesen mittlerweile offenbar „gut genug“ geworden ist, so dass bei heise alle Texte fortan gesprochen zur Verfügung stehen. (Der Vollständigkeit halber möchte ich ergänzen, dass dort steht „Testbetrieb der Sprachausgabe bis zum 9.11.07“) Nchfolgend eine Audiokostprobe des Artikels „Heinz Nixdorf Museumsforum zeigt Hollerithmaschine“…
Update 29.1.2008
Mittlerweile – das war klar, oder – gibt es einen Web 2.0-Dienst, den man natürlich komfortabel in das eigene Blog einbinden kann. Talkingtext füllt diese große Lücke, die da klaffte.
Zuerst gesehen habe ich das im Fernstudiumblog, bei dem man sich bereits alle Beiträge vorlesen oder wahlweise als Audiofile einfach runterladen kann. Das sieht dann so aus wie in der Abbildung (Fenster) gezeigt.
Allerdings hat tt noch ein paar beta-bedingte Probleme (Stand 30.1.2008):
Der Registrierungsprozess für ein Blog ist viel zu kompliziert, statt einfach die Standard Feed-URL zu nutzen braucht das Blog einen eigene Feed-URL, die ein Plugin für WordPress erzeugt
Das WP-Plugin ist an sich ne tolle Sache, funktionierte bei mir aber nur lokal
Das Playerfenster ist doch ziemlich arg hässlich, da wünscht man sich ein custom skinning für Farbe, Buttons, Headlines usw.
Was ohne Ende nervt ist, dass man sich auf der Managementseite stets neu einloggen muss (keine Cookies) – das sollte schleunigst behoben werden
Die Registrierung eines neuen Blogs ist absolut kryptisch, man bekommt zig Mails und blickt es irgendwann gar nicht mehr. Warum kann ich den einzubindenden Code nicht im Managementportal einfach einsehen?
Das die Umwandlung Zeit kostet ist klar, aber zumindest eine kleine Audio“vorschau“ bzw. ein pre-Hearing der Stimmen sollte doch möglich sein, oder??
Sowie man sich einlogged sollte gezeigt werden wie weit der Fortschritt für die Text-to-Audo-Konvertierung fortgeschritten ist, dass man nicht so raten muss.
Das Menü der Managementseite ist wirklich arg beta, nichtmal die Eingabefelder für die wichtigen Sachen sind kommentiert.
Die leicht esoterische Musik im Hintergrund ist ja vielleicht ganz nett, aber zumindest eine optinale Abschaltung sollte drin sein, besser noch eigenes mp3-loop hochladen können
Why do i blog this? Mir kommt die Stimme bekannt vor! Genau die Stimme habe ich auf meinem Laptop schon einmal gehört und ich war ziemlich begeistert von der Qualität der individuellen „Vorlesung“, denn der Computer spricht alles immer exakt gleich aus, egal wie oft er es vorliest, das kann kein Mensch so gut! Die Stimme heißt glaube ich „Klaus Infovox iVox HQ“ auf dem Mac. Durch Eingabe des Unix-Befehls say -v "Ralph" -o ralphLiestVor.aiff "This is the Weblog Thetavellehh." kann man beliebigen Text mit beliebigen Stimmen automatisch in eine Audiodatei umwandeln.
Ich finde dieser Schritt von Heise macht deutlich, dass Text-to-Speech das Tor zur sprechenden Maschine weiter aufgestossen hat. Sience Fiction aus Star Trek wird peu à peu Wirklichkeit und bald sprechen die Maschinen noch viel mehr. Damit einher geht, dass der Computer unsichtbarer werden kann, weil er kein optisches Display mehr braucht, um seine Informationen zu übermitteln. Ein Audio-Display tritt an seine Stelle. In Star Trek ist dadurch die Brücke (siehe Grafik rechts als Beispiel) ein sehr aufgeräumter Ort ohne Tastaturen, Maus oder gar Desktop-Rechnergehäusen, nur noch die wirklich grafisch notwendigen Informationen werden auf den optischen Displays gezeigt, die Kommunikation mit dem Rechner findet per Audio statt. Heise lässt den Rechner sprechen, jetzt fehlt nur, dass ich Heise auch ganz einfach etwas sagen kann, z.B. „Computer, lies bitte schneller vor!“ ;-)