Rentenmodell 2.0 – Upps da braucht man Internet für?

Altersarmut (Welt, SZ, handelsblatt, Focus, Spiegel) ist ja derzeit ein großes Thema in den Medien, es gibt sogar schon eine ganze Webseite dazu. Bin mir auch sicher, dass vor der nächsten Wahl die Parteien auch wieder ordentlich die „Rententrommel“ schlagen werden – denn mittlerweile machen die Rentner ja schon einen beträchtlichen Teil der Bevölkerung aus wie nachfolgende zwei Grafiken schön zeigen.


Quelle: statista Originalgrafik


Quelle: Statistisches Bundesamt 2012 (Link)

Und das Prinzip der Politik in dieser Hinsicht, das kennt man ja schon aus dem TV (aka Kathodenstrahlcontent), das Angebot wird für die Zielgruppe gemacht. Das ganz neue Rentenmodell 2.0 kommt jedoch – wie sollte es anders sein – nicht von der Regierung, sondern vom Kapitalismus selbst und heißt www.rentarentner.de. Vielleicht sollte man dem Nationalen IT Gipfel mal davon erzählen, bei dem ja wieder reichlich Pressemeldungen mit dem Thema Fachkräftemangel produziert wurden.

Ja, wenn jetzt die Rentner nicht bloß alle schon solche Angst vor Online Banking, Kinderpornos, Nazis, Identitätsdieben, ganz schlimmem Facebook und noch viel schlimmerem Google im Netz hätten (wie unsere Medien es ihnen ja seit Jahren mit massiver FUD-Verbreitung eintrichtern) dann könnte das mit der Plattform Rent-a-Rentner sogar hinhauen. Gut, auf’m Land dann halt mit Internetlangsamkeit zum nebenbei Kaffeekochen, denn den Internetausbau, den findet man in Germany halt eher so drittrangig… aber hey, Rentner haben ja eh‘ Zeit.

Update 18.11.2012:
Das ganze könnte ein Klon, der aus der Schweiz stammt sein. Zumindest gibt es da eine gleichklingende Seite die von Peter Hiltebrand ins Leben gerufen wurde. Hier mal bissel Video-Footage Herr Hiltebrand erklärt um was es geht, Gewinner Sonderpreis «Rent a Rentner» bei der Marketing-Trophy 2011, Bericht im Schwizer TV und ein Zeitungsartikel dazu.

Update 14.12.2012
Passend dazu mal das Bevölkerungswachstum unterhaltsam visualisiert mit dem Tool Gource.



Quelle: Population Dynamics 1970-2010 (NoTree).
http://www.youtube.com/watch?v=yh9IW9dXFQw

Update 20.4.2013

Die ZEIT drückt in ihrem Artikel „Demografie: Die schon wieder!“ ziemlich gut aus was Sache ist. Mal ein Zitat:

Jeder zweite Bundesbürger ist älter als 45. […] Vom Jahr 2015 an werden so viele Deutsche in Rente gehen, so wenige Junge ins Arbeitsleben eintreten wie nie zuvor. […] Bis zu ihrem Tod werden die Babyboomer ihre Vermögen verbraucht haben. Erst für ihren Lebensstil, dann für ihre Gesundheit. […] Schon jetzt kosten die über 75-Jährigen mehr als sämtliche Kinder zusammen.

Ich würde ergänzen wollen, und eventuell/hoffentlich auch schon vorher für einen Währungsreset der uns endlich gleiche Chancen gibt. Ob ich das alles gut finde? Nein. Find‘ ich nicht gut. Finde ich eine Katastrophe ohne Vergleich die sich in Superzeitlupe entfaltet. Erinnert mich an eine Störung im Raum-Zeit-Kontinuum. Die 14- bis 49-Jährigen als die werberelevante Zielgruppe? Dann kann man sein Geschäft dicht machen, denn es gibt einfach nicht genug junge Menschen, man könnte auch sagen es gibt zuviele alte, sagt aber aus political correctness keiner, siehe Zitat oben. Fakt ist:

Früher war es so, dass die jeweils neue Generation die Alltagskultur prägte. Die Babyboomer aber werden wohl bis zu ihrem Tod bestimmen, was wir sehen und was wir hören. Ihretwegen touren die Rolling Stones noch heute durch die Welt, produzieren Möbelhäuser nostalgische Flokati-Teppiche, fahren Mini Cooper und VW Beetle durch die Straßen – die neu aufgelegten Ikonen aus der Jugend der Babyboomer.

Und dann werden da zu Recht die Fragen gestellt:

Wer bestimmt in Deutschland, was richtig und falsch ist? Die Jungen oder die Alten? […] Was passiert, wenn die Abwehr zur Grundhaltung der Gesellschaft wird? […]

Die Fragen kann man sich wohl selbst beantworten. Willkomen in der Gerontokratie in der schnelles und überall verfügbares Internet betrieben mit Ökostrom nicht etwa als Infrastrukturinvestition in die Zukunft, sondern als überflüssiger Luxus für junge Leute angesehen wird von Generation Uralt-und-steinreich.
Das folgende Zitat fasst es prima zusammen:

Seit dem 11. September kennen wir nichts anderes als Krise: Afghanistankrise, Irakkrise, Wirtschaftskrise, Bildungskrise, Finanzkrise.

Und eure komische Alterkrise die könnt ihr euch meinetwegen an den Hut stecken, denn die interessiert mich nullkommanull. Ich warte bis ihr im großen „Asset meltdown“ alle eure Aktien und Grundstücke für eure so geliebte und euch am allerwichtigsten erscheinende Altersversorgung letztlich verhökern müsst und dann kaufe ich den Laden per Auslandsinvestition. Wenn ich dann noch in diesem Land-des-Stillstands bin… Australien schaut interessant aus, ich bin qualifiziert, dort ist das Wetter besser und die Straßen und Parkräume sind nicht mit Rentnern verstopft die weder ihre überteuren SUV’s vernüftig fahren noch diese anständig einparken können und noch gibt es günstige Flüge von Europa dahin. Der Generationenvertrag ist längst gekündigt fragt sich eigentlich nur noch wann ich den Überseecontainer bestelle für meine Auswanderung schon vor 2015 oder danach..?

Falls sich jetzt jemand über soviel Egoismus in einem Update wundert… denkt mal drüber nach wer hier eigentlich seit Jahren schon egoistisch ist. Was hat diese Situation verursacht? Blanker Egoismus ohne Grenzen, doof nur wenn der sich gegen einen wendet wenn man alt und schwach ist, oder? Tja, da hätte man wohl besser vorher dran gedacht, als man die Jungen „abgezogen“ und ihrer Zukunft beraubt hat. Kommt nie gut so eine Ausnutzung eine Stärkeposition (Alt, vermögend, Politik machend) gegenüber dem Schwächeren (den Jungen, nicht wählen dürfenden, wirtschaftlich abhängigen, Habenichtsen).

Update 26.6.2013
Ich hab mir mal den „Spass“ gemacht, Deutschland mit Australien (Mein Wunschauswanderungsland) zu vergleichen. Sieht erschreckend aus!

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Update 8.1.2014
In der Grafik zu Australien vs. Germany bezieht sich das auf Zahlen aus 2010, Leute die zu dem Zeitpunkt jünger sind als 40 sind demnach um 1970 rum oder später geboren. Daher kommt dann diese 1973 die ich da eingezeichnet habe.

Wirtschaftskrise ist nicht der einzige Faktor oder wohl sogar der weniger bestimmende… der bestimmendere ist wohl der sogenannte Pillenknick.

Der Pillenknick ist eine Theorie zur Erklärung des markanten Abfalls der Geburtenraten in vielen Industrienationen ab der zweiten Hälfte der 1960er Jahre. Der Knick, welcher sich in der Geburtenkurve zeigt, ist vor allem deshalb so stark, da es zuvor von etwa 1955 bis 1965 eine Baby-Boomer-Phase mit deutlich erhöhten Geburtenzahlen gab. Da der Geburtenrückgang mit der Einführung und breiten Verfügbarkeit der Antibabypille zusammenfällt, wird von Befürwortern der Theorie diese neue Verhütungsmethode für den Geburtenrückgang verantwortlich gemacht.

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Quelle: Wikipedia

Geburtenrate & Kitas

Aus gegebenem Anlass mal zum Nachlesen „Kitas wichtiger als Kultur“, sagt eine Pressemitteilung vom 11.12.2013 (als PDF) des Max-Planck-Institut für Demografische Forschung.

Da hat sich wer gedacht, hey, warum nicht mal direkt an der Grenze Deutschlands zu einem anderen Land nachgucken wie das so mit dem Kinderkriegen da läuft, i.e. ob es da genauso schlecht läuft wie im Rest von good old Germany. Offenbar läufts da besser, wegen deutlich besserer Infrastruktur des Nachbarn.

Konkret hat man sich für Folgendes interessiert:

Countries in Northwestern Europe, including Belgium, report cohort fertility levels of close to two children per woman; whereas Central European countries, such as Germany, have levels of around 1.6 children. In seeking to explain these differences, some scholars have stressed the role of the social policy context, while others have pointed to variation in fertility-related social norms. But because these influences are interdependent, it is difficult to isolate their effects on fertility trends. This study attempts to disentangle these two factors by drawing on a quasi-natural experiment. After World War I Germany was compelled to cede the Eupen–Malmedy territory to Belgium. The population of this region has retained its German linguistic identity, but has been subject to Belgian social policies. We examine whether the fertility trends in this German-speaking region of Belgium follow the Belgian or the German pattern. Our findings indicate that they generally resemble the Belgian pattern. This suggests that institutional factors are important for understanding the current fertility differences in Western Europe.

Ergebnis


geburtenrate_belgien_deutschland
Quelle: Pressemitteilung des Max-Plank-Institut

Originalveröffentlichung (Download hinter Paywall):

Sebastian Klüsener, Karel Neels, Michaela Kreyenfeld: Family Policies and the Western European Fertility Divide: Insights from a Natural Experiment in Belgium. Population and Development Review 39(4): 587–610 (Dezember 2013)
DOI: 10.1111/j.1728-4457.2013.00629.x