End of Life – Rest in Peace MOOC

rip_gravestoneIch hab den die Welt rettenden MOOC Hype ja diesmal komplett aus dem blog rausgelassen. Wäre eher „noise“ als „signal“ gewesen. Hier habe ich jetzt einen Beitrag zu dem Thema gefunden, den ich mal verlinken mag und gleichzeitig mal mit EOL (End of Life) des MOOC übertitele:

Let Them Eat MOOCs von Gianpiero Petriglieri, Associate Professor of Organisational Behaviour at INSEAD

Hier mal ein paar schöne Ausschnitte aus den schon über 135 Kommentaren zu seinem Post:

MOOCs themselves, in my experience, are a combination of poor/old-fashioned pedagogy and book club.

No amount of technology can hide the fact that MOOCs are layered on top of an outdated model for education.

I guess it’s comforting, from a job-security perspective, that by the time algorithms are able to reproduce the „sophisticated search and social technology“ that we currently provide, the singularity will have occurred and we will have long since been murdered or enslaved by our intelligent machine overlords.

For all of the enthusiasts of MOOCs, let me ask you. In what other field would someone be expected to provide their services for FREE? When is the last time you doctor provided free medical services, or your accountant, or ..l..
You get the idea.

Free is an illusion.

At INSEAD you may have the luxury of small classrooms, but most undergraduate students are not getting the same personalized experience. The fact that universities are opening up these classes for free just re-enforces the fact that it’s not the knowledge you are paying for, it’s the degree. In an economy that is becoming more pragmatic and applied, knowledge and skill will always win over a degree.

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Missionare in Sachen Bildungsökonomisierung

Derzeit greift z.B. auch die New York Times den MOOC Hype nochmal auf in ihrem Beitrag „U.S. Teams Up With Operator of Online Courses to Plan a Global Network“. Nach dem ziel befragt antwortet eine Coursera Verantwortliche wie folgt:

“Our mission is education for everyone, and we’ve seen that when we can bring a community of learners together with a facilitator or teacher who can engage the students, it enhances the learning experience and increases the completion rate […]”

Kurzer Zwischenfrage: „Was ist eigentlich das Ziel von Missionaren?“ Recht einfach:

The main goal of a missionary is to spread the gospel of his or her religion, and persuade others to believe in it’s doctrines and practices.

Oh und dann haben sie sich gleich mal mit dem Staat zusammengetan, um den richtigen Hebel zu finden, großartig:

„Coursera is joining forces with the State Department’s MOOC Camp Initiative.“

Und den Staat befragt warum sie mitmachen, antwortet dieser:

We have a list of MOOCs from different providers that we suggest, but Coursera has had a unique interest in working with us to collect the data to understand the learning outcomes from facilitated discussions […]

Na, dann geht es sicher gar nicht um die Daten der Nutzer und die Senkung von Kosten.

Kostensenkung und Entwertung

Prof. Gianpiero Petriglieri sieht darin aber nicht etwa nur missionarische Arbeit am Werk, sondern auch eine handfeste Gefahr für die Bildung:

MOOCs can be used as a cost-cutting measure in already depleted academic institutions and become another weapon against battered faculty bodies. They may worsen rather than eliminate inequality by providing credentials empty of the meaning and connections that make credentials valuable.

Hinter hinter jedem MOOC steht natürlich das Interesse auch an der Kostensenkung von Bildung. Weniger Personal, mehr Eigenverantwortung. Kommt mir irgendwie bekannt vor aus anderen Bereichen der Wirtschaft. Ich halte den Beitrag von Prof. Petriglieri für einen der wenigen der es wert ist gelesen zu werden, und zwar mit allen Links die darin enthalten sind.

Bezeichnend ist allerdings auch zugleich, dass der Herr Professor seine eigene Meinungsäußerung auf der kommerziellen Webseite von blogs.hbr.org (dem Harvard Business Review) kund tut, also gleich mal selbst kommerziell gnadenlos verwertet und die Kommentare noch folgender tollen Regelung unterliegen:

All postings become the property of Harvard Business School Publishing

Hach, schöne neue Lern- & Bildungswelten. Wir sind auf die Zukunft bestens vorbereitet!

Update: 9. November 2013

Weiterer schöner Beitrag namens A Future With Only 10 Universities von Audrey Watters, die übrigens ein schönes & interessantes Blog namens hackeducation betreibt.

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Ihr Beitrag „The Education Apocalypse“ ist auch nochmal recht lesenswert.

Der finale Todesstoß für MOOCs

mooc_schulmeisterUnd hier ist er der finale Todesstoß für die MOOCs in Germany. Wenn man sich auf eine Person verlassen kann, dann auf die alte Forscherschule, jemanden der noch weiß wie man schlaue Fragen stellt und der sich selber nicht zu fein ist sich selber die Hände im Dreck schmutzig zu machen, um an die so wichtigen Daten zu kommen: Prof. Schulmeister

Und er hat jetzt eine Veröffentlichung „MOOCs – Massive Open Online Courses – Offene Bildung oder Geschäftsmodell?“ herausgebracht, die man wohl ziemlich sicher als den Sargnagel auf das MOOC-Konzept betrachten kann. Zumindest aber lässt er den hochgelobten Kaiser ziemlich nackig dastehen. Denn wenn man anhand der Fakten analysiert bleibt von den „Verbesserungen“ durch MOOCs, die die Welt retten sollen nicht mehr soviel übrig.

Aber das liest man besser mal selber (PDF) nach.

ONLINE-LERNPLATTFORMEN: Bildung für alle ist eine Illusion

Schreibt Golem grade.

Bildung für manche statt für alle: Drei Jahre nach der ersten Euphorie ist klar, dass die MOOCs genannten Onlinekurse trotz großen Erfolgs nicht die Massen erreichen.

Aber die Nanodegrees (die neuste Schöpfung aus der Bildungsnation US of A) werden es sicher richten.

Update 22.8.2016: MOOC is an abandoned ship

Tja, ist immer einfach zu sagen told-you-so, aber in diesem Fall wohl eindeutig das Richtige. Ich zitiere:

The most obvious reason why everyone from the founders of MOOC companies to students who sign up for such course are abandoning MOOCs is because these kinds of courses have not lived up to their initial hype. MOOCs were supposed to transform education as we know it, but traditional education with its inefficiency derived from the close proximity between professors and their students has proved more resilient than its wannabe disruptors ever imagined. Yes, there are still plenty of MOOCs available for people who want to take them, but it now seems safe to conclude that Sebastian Thrun’s 2012 prediction that there will only be ten institutions of higher learning in fifty years will be off by a large order of magnitude.

Oh und Captain Obvious meldet sich auch zu Wort:

With MOOC production costs as high as $325,000 for a single course, profitability is almost certainly the main obstacle to keeping MOOCs viable for the long term.

Und dann kommt noch dieses Comedy Gold um die Ecke:

If teaching were like most activities, it might be capable of being automated and scaled. But unfortunately for the MOOC providers, teaching isn’t like most activities.

Aber hey, morgen kommt der nächste Depp und wird behaupten die AI/KI wird das dann schon richten. Ich bin da optimistisch gestimmt, dass uns der Grund Popcorn bereitzuhalten nicht ausgehen wird im Education-Sektor.

Update 25.10.2016

Jonathan Rees has a nice blog post „I’ve come out of MOOC retirement.“ put online. Einige zufällige Zitate über Coursera, eine Firma/Startup die seit einigen Jahren versucht Bildung zu Geld zu machen:

Actually, Coursera’s business plan now reminds me now more of a company like Evernote than it does public broadcasting. Provide a free service that people find useful, then constantly upsell your customers in the hopes that they might pay up for it.

But Coursera isn’t helping Penn provide “high-quality learning opportunities” to “millions of people around the world” anymore. They’re helping Penn provide mostly static content to millions of people around the world and access to low-quality learning opportunities for people with the willingness and resources to pay for it.

Rees schließt mit der vielsagenden Erkenntnis:

MOOCs were never about universal higher education. They were always about making money. Faculty and students at any university with a MOOC partner ought to recognize that by now, and pressure their schools to un-partner immediately. Then they can develop their own platforms and offer their own MOOCs on any terms they want. Hopefully, those terms will go back to really being open again.

Dem ist nichts hinzuzufügen. Coursera hat sich seit seiner Gründung mehrfach um die eigene Achse gedreht in Sachen Ziele. Letztlich hat man mit einem neuen Wortkonstrukt des „Nanodegree“ versucht Inhalte die für Unternehmen wichtig sind als Selbstlernfortbildung anzubieten und den Lernnachweis dann „Nanodegree“ zu nennen. Und natürlich ist nichts davon kostenlos. Die Unternehmen zahlen, um Inhalte erstellen und bereitstellen zu lassen, und profitieren auch direkt davon wenn sie ihre Mitarbeiter dort hinschicken. Die Mitarbeiter / Lernenden zahlen für den Degree, um sich besser am Markt verkaufen zu können.

Why do I blog this? Die MOOC Sau die jetzt schon über ein Jahr durchs Bildungsdorf getrieben wird ist nur der alte E-Learning Wein im neuen Schlauch. Die bekannten Nachteile und Probleme sind nach wie vor ungelöst (z.B. fehlende Akzeptanz, weil man sozial isoliert lernen muss; fehlende soziale Wahrnehmung, weil soziale Aspekte nicht im Vordergrund stehen sondern technologische, usw.) MOOCs sind so gut wie erledigt aus meiner Sicht. Denn die Magic Bullet gibt’s halt nicht.

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Es gibt immer wieder Leute die auf das schnelle Geld und schnelle Lösungen im Bildungsmarkt hoffen. Und wenn, dann will man natürlich gleich alles bisher da gewesene ablösen, siehe z.B. Apple iBooks:

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World Domination ist ja auch ein nicht gerade einmaliges Standardziel von StartUps und es geht auch oft mit sehr heftigen Schmerzen einher (ich sprech‘ da aus Erfahrung!). Aber Bildung lässt sich nunmal nicht so schön in ein mp3-File verpacken und verhökern wie Musik. Schon doof wenn man schnell reich werden will! Aber vielleicht klappt’s ja, wenn man die Kosten nur hoch genug schraubt an den verbliebenen Institutionen. Zum Beispiel mit Studiengebühren, Abschaffung von Bafög usw. dann sehe ich da noch Möglichkeiten für MOOCs. Vielleicht ist das ja auch der grund warum diese MOOCs angeblich in USA schon funktionieren: Hohe Studiengebühren, keine freie Lehre. Wobei, wir hätten ja auch noch die Wikipedia als wichtigsten Konkurrenten mit freien (und kostenlosen) Inhalten… wer bereit ist da zu suchen und auf Celebrity Talking Heads zu verzichten… also müsste man Wikipedia vorher wohl noch platt machen damit da ein Markt entsteht.

soylent_greenDass der MOOC Hype so schnell rum sein würde hätte ich jetzt nicht gedacht, aber nun ja. Die Illusion von „Kostenlos“ wird wohl dann demnächst auch in den USA platzen. Denn da zählt am Ende des Tages nur der Return on Investment. Irgendwann kommt halt einfach raus, dass der Hype nur von den Promotern lebt und denen die im Anfall des Idealismus ihre Inhalte frei verteilen. Wen das jetzt an Soylent Green erinnert, dem möchte ich da nicht unbedingt widersprechen.

Letztes Jahr hat noch der Herr Jörn Loviscach auf dem 29c3 ganz groß die MOOC-Hypetrommel geschlagen. Ich war in seinem Vortrag und musste mich wirklich arg zurückhalten die Veranstaltung nicht zu stören so krass war die Propaganda namens „MILLIONS OF LESSONS LEARNED ON ELECTRONIC NAPKINS“ die da vorgetragen wurde mit heftigsten angloamerikanischen Referenzen an Udacity und den Herrn Thrun. Völlig ohne einen Kontext von Kritik versteht sich. Mich würde interessieren was Herr Joviscach denn mit seinen MOOCs so derzeit macht. Oder ob er schon leise den Abschied einläutet…

Ich schätze sein Engagement in Sachen Online Lehren und Lernen, aber der Vortrag auf dem 29c3 war aus meiner Sicht reinste Propaganda. Enthielt rethorische Kniffe (z.B. immer wieder durchgeführte völlig sinnfreie Meinungsabfragen beim Publikum während des Vortrags) um von kritischen Problemen abzulenken und ging auch im Nachklapp beim üblichen Fragen & Antworten mit dem Publikum auf Kritik nicht ein. Man wollte auch keine Kritik hören, das war klar zu erkennen.

Es wundert mich allerdings auch überhaupt nicht, dass wesentliche Apologeten der Online Lehre per MOOC fast ausschließlich aus dem Mathematik- und Informatikbereich kommen, einem Bereich der wohldefinierte Lösungen kennt die nur RICHTIG oder FALSCH sein können und bei dem die Ablehnung von Technologie einer Ketzerei gleich käme. Die Lerninhalte kann man da auch prima online prüfen wenn es nur Richtig und Falsch gibt. Soziale Abwägungen und Bewertungen oder gar kulturelle Diskussionen und Auseinandersetzungen sind da nicht nötig und somit stellen sich die Probleme der sozialen Aushandlung und Erklärung von Bewertungen im Diskurs nur am Rande.

UPDATE 4.9.2014
Es gibt ein Interview von Matthias Becker mit Herrn Loviscach auf Telepolis mit dem Titel „Es macht keinen Sinn, die alte Vorlesung einfach fürs Netz zu kopieren“. (Depublizierungsschutz als PDF)

Was man da jetzt lesen kann ist schon so eine Art Abbitte:

„[…] Insofern handelt es sich letztlich um Selbstausbeutung zwecks Sichtbarkeit. Wer einen MOOC macht, sucht nicht zuletzt nach einem Platz in der Aufmerksamkeitsöknomie.“

Beim Beat Doebli kann man ebenfalls mal gucken.

[1] Grabsteinbild, Quelle: http://www.e-karnevalskleidung.de/horroraccessoires-grabstein-rip-todeskopf-57-cm.html

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