Lernobjekt, Learning Object oder RLO, was soll das sein?

Vorwort: Eigentlich wollte ich diesen Blog-Post schon vor einem halben Jahr über den Äther schicken. Irgendwas hat mich abgehalten. Da aber immer wieder das ominöse Learning Object (LO) zum Thema wird, poste ich jetzt meine Ansicht dazu.

Es liegt jetzt schon über ein Jahr zurück, dass ich mich intensiv mit dem Begriff „Lernobjekt“ beschäftigt habe. Jetzt habe ich einen Weblog-Beitrag gefunden mit dem Titel „Learning objects – Is the King naked?“. Das der Titel als Frage formuliert wurde, hat mich bewogen meinen Beitrag als Antwort und Aussage zu formulieren „Lernobjekte existieren nicht!“. Der Autor Teemu Leinonen hat genau das in seinem Beitrag bewiesen, denn der Kaiser trägt keine Kleider!
Ich war sehr erfreut endlich jemanden zu finden, der tatsächlich „nichts“ sieht wo „nichts“ ist. Im Rahmen meiner Forschungsarbeit vor ca. einem Jahr in einem Projekt habe ich ein Paper geschrieben, das sich sehr kritisch mit dem Begriff des Lernobjekts beschäftigt. Leider ist es bei der eingereichten Konferenz abgelehnt worden mit dem Hinweis darauf, dass „Lernobjekt“ ein eingeführter Begriff ist und der zu erwartende Beitrag des Papers zum wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt daher als gering eingestuft wird. Mein Paper „Ideen zum Begriff „Lernobjekt“ – eine Betrachtung aus der Perspektive des Software Engineering“ (als PDF herunterladen) hat also bislang nie das Licht der Welt erblickt. Ich habe mich daher entschlossen dieses Paper nun zur hier im Blog Verfügung zu stellen, weil ich eine weitere Verwertung als Publikation nicht mehr anstrebe, seit ich meinen Schwerpunkt zu LO’s verlassen habe.
In dem Paper betrachte ich den Begriff des Lernobjekts einmal aus der Sicht eines Wirtschaftsinformatikers, der damit eine Software modellieren soll. Etliche Schwächen des Begriffs kommen dabei zu Tage. Ich plädiere deshalb für die Neukonzeption eines Begriffs, der digitale Inhalte und deren Einsatz für das E-Learning beschreibt. Der Begriff der Lernkomponente wird vorgestellt (siehe nachstehende Abbildung).


Abbildung: Lernkomponente (Anklicken für Vergrößerung)

Wesentlich an der Idee der Komponente ist die Kapselung von Inhalten (Content) gemeinsam mit Aktivitäten (Activities) und Beziehungen (Context) zwischen diesen. Das bedeutet, bestimmten Inhalten der Lernkomponente sind bestimmte Aktivitäten zugedacht – also WAS damit passieren soll. Die Komponente trägt in sich die Information über die Beziehungen bestimmter Activities zu bestimmten Inhalten, z.B.: „Schau (ACTIVITY) Dir das Bild vom Eiffelturm (CONTENT) an, dann schreibe auf (ACTIVITY) welche Strukturmerkmale seine Stahlkonstruktion unverwechselbar machen.“. Die Lernkomponente transportiert somit durch die inneren Beziehungen zwischen Content und Activities einen echten Lehr-Lernzusammenhang (CONTEXT). Da ich mich mit dem Gebiet derzeit nicht mehr beschäftige, ist mir relativ egal, ob der Kaiser nackt ist oder ein hübsches Gewandt trägt. Mich würde allerdings interessieren, was andere von dieser Komponenten-Idee halten. :-)

Teemu Leinonen ist zu einer eigenen Definition des Begriffs Lernobjekt übergegangen, aus den gleichen Gründen, die mich zu der Lernkomponente gebracht haben. Er definiert Lernobjekt derzeit so (Quelle: Artikel „Demonstration of LO template prototypes“):

A Learning object is any entity, digital or non digital, that is or is aimed to be used for learning, education or teaching.

Allerdings hat diese Erkenntnis auch ihre Geschichte. In dem Prototypen LeMill soll genau dieses Konzept ausprobiert werden. Der Ansatz der offenbar maßgeblich durch Leinonen in Finnland vorengetrieben wird, erscheint mir sehr, sehr erfolgversprechend.

Update 21.11.2006
Die Geschichte Des Kaisers neue Kleider, von Hans Christian Andersen ist wirklich lohnenswert nochmal komplett gelesen zu werden. Ich habe jetzt die deutsche Fassung davon bei einer Kindergarten-Webseite gefunden. Das passt ganz gut, schließlich ist es ein unschuldiges Kind das zum Ende der Geschichte ruft „Aber er hat ja gar nichts an!“. Ein Kind hat wohl wenig Veranlassung dazu die Wahrheit zu verleugnen. Interessant ist dennoch das Ende der Geschichte, denn der Kaiser „zieht das durch“, obwohl er erkannt hat, dass das Kind Recht hat.

Doch die eigentliche Botschaft hat Andersen wohl verschlüsselt, denn im text heißt es an einer Stelle: „…die Kleider, die von dem Zeuge genäht würden, sollten die wunderbare Eigenschaft besitzen, dass sie für jeden Menschen unsichtbar seien, der nicht für sein Amt tauge oder der unverzeihlich dumm sei.“ Wer die Geschichte bis zum Schluss liest der weiss, das diese Kleider tatsächlich die von den Schwindlern gemachte Eigenschaft haben, denn einzig das Kind und das Volk trauten sich die Wahrheit auszusprechen, alle anderen in „Amt und Würden“, die etwas sahen wo nichts war, wurden durch den „wundersamen, unsichtbaren Stoff“ als Lügner entlarvt.

Update 5.1.2020

In 2005 war ich für extrem kurze Zeit an der FernUni Hagen in dem Projekt Campus Content aktiv. Das Projekt hat eine eher unrühmliche Wendung genommen zu der ich aber lieber keine Worte verlieren möchte und nachdem ich dort weggegangen bin, hab ich mir den Zerfall und das Scheitern nur noch aus der Ferne mit leichter Schadenfreude angeschaut. Nachdem ich das Projekt CampusContent verlassen hatte, musste ich allerdings die sehr negativen Erinnerungen daran irgendwie verarbeiten. Das passierte indem ich einen Rap-Song komponierte… den hab ich jetzt per Zufall auf meiner Platte wiedergefunden und musste laut lachen.

Nachfolgend sieht man ein wenig mehr, um was es in diesem Projekt eigentlich gehen sollte. Folgende Folie fasst es gut zusammen.

Ich hab das mal von deren Webseite zitiert:

Hier eine Beschreibung des DFG Projektes Campus Content — Competence Center for eLearning with Reusable Learning Objects

Quelle: https://eleed.campussource.de/archive/1/94

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Introduction

Given current technology, the development of substantial eLearning materials that exhibit high quality content and are useful in different educational settings is extremely time consuming and costly. This process typically involves different competencies including domain knowledge, didactic capacity, media design skills, usability and accessibility know-how, and programming abilities. The high development costs are only justified if learning contents remain valid for a long period of time or if the development effort for materials that need to be updated frequently can be shared by many users and is applicable in different educational settings. To achieve this goal, different projects pursued research on a modular approach towards multimedia content that ultimately led to novel learning technology standards, such as LOM (Learning Object Metadata) or SCORM (Sharable Content Object Reference Model), and a number of reusable learning object repositories. Experience has shown, however, that LOM and SCORM are weak in handling pedagogical qualities and content repositories are not as successful as expected. This may be due to the fact that these repositories merely focus on content qualities and content management and that they largely neglect the pedagogical context in which such content objects are used and searched for. Another reason is probably the fact that a widely accepted educational categorization scheme for educational scenarios for eLearning applications does not exist as yet.

The Project

The CampusContent project, which starts March 1, 2005, takes up these challenges in an interdisciplinary research approach aiming at the development of a competence center for the production, collection, quality assurance, distribution and re-use of modular multimedia content. The project will adopt the open content approach and rely on open standards. Although – for capacity reasons – the project primarily focuses on the subject areas computer science, engineering and natural sciences, its methods and tools will be designed in such a way that they can be carried over to other disciplines as well. Combining the perspective of advanced computer science methods with models and concepts of media didactics and educational science, the project tries to integrate a technological, pedagogical and social dimension seamlessly.

The technology dimension addresses:

  • the design of a suitable, fine-granular learning object model including rich pedagogical attributes, ontology information standardizing domain knowledge and other meta data supporting, e.g., the discovery of learning objects, their (dynamic) recombination, and their integration with pedagogical scenarios;

  • a framework architecture supporting the combination of learning objects, pedagogical scenarios and e-learning tools into a coherent learning environment; and

  • the implementation of an open content portal providing access to a component, template and pattern repository (cf. Figure 1)

Figure 1 – Organization of the CampusContent Portal

We hope to leverage the productivity of multimedia content production substantially through the provision of more effective methods and tools than we have at our hands today. In particular, we plan to develop reusable design patterns and templates that allow us to cope with great deal of standard problems. We are, for instance, envisaging an innovative animation component system that would allow even IT-illiterate authors to transform their conceptual and didactic ideas into instructive animations and other forms of (audio-) visual representations. Authors would no longer be plagued with low-level programming tasks using Java, Flash, Director and other specialist tools and the sustainability of works could be managed much easier.

The pedagogical dimension aims at a categorization of typical pedagogical scenarios and interaction patterns and a novel web didactic in which such scenarios and interaction patterns are related to a rich repository of learning objects of varying degrees of difficulty, didactic model and media presentation. Through a pedagogy-based extension of current metadata standards we hope to be able to combine learning objects in different pedagogical scenarios meaningfully. If we succeed in organizing learning objects addressing the same learning objective in different ways into clusters of variants, a dynamic linkage of learning objects depending on individual learner profiles becomes possible in a learning process.

The social dimension of the projects strives to build up a community providing for

  • external collaboration,

  • continuous dissemination of the communities’s approach and intermediate results,

  • sustainability and quality of the results, and

  • progress of related national and international standards.

Sponsors

CampusContent is one of currently four Competence Centers for Research Information that were set up in 2004 by the Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG, German Research Foundation). These competence centers are financially supported by the DFG over a period of five years.

Contact

Prof. Dr.-Ing. B.J. Krämer
bernd.kraemer@fernuni-hagen.de


Prof. Dr.-Ing. F. Kaderali
firoz.kaderali@fernuni-hagen.de


Prof. Dr. P. Baumgartner
peter.baumgartner@fernuni-hagen.de


Why do I blog this? Es fällt mir schwer ansehen zu müssen, wie ständig weitere Forscher (z.B. hier, hier oder hier) sich ohne jegliches Hinterfragen auf den Begriff des Lernobjekts stützen, und selbst aktiv an der Produktion von weiteren Nebelkerzen mitwirken. Lernobjekte gibt es nicht! Es mag Lerninhalte geben und Medien zur Inhaltsgestaltung, aber Lernobjekte? Was soll das sein? Mein Beitrag ist nicht dazu gedacht, denjenigen, die den Kaiser in Kleidern sehen diesen Eindruck nehmen zu wollen. Stattdessen ist er für diejenigen gedacht, die bislang noch gar keinen Blick auf den Kaiser geworfen haben oder noch nie mit den um diesen Begriff herum gezündeten Nebelkerzen in Kontakt waren. Ich hoffe auf flinke Schneider, die in erster Linie funktionale und dann vielleicht sogar schöne und günstige Kleidung ersinnen, um sie dem Kaiser in einem unbeobachteten Augenblick überzuwerfen. So könnten wir aus der Situation noch glimpflich herauskommen. Meine persönliche Erkenntnis aus der Sache lautet: Nebelkerzen sind sehr wirksam, aber sie brennen nicht ewig und nicht überall auf der Welt. In Finnland sind sie offenbar schon ausgegangen oder nie gezündet worden. Ich wünsche LeMill daher allen denkbaren Erfolg.

Deutschlands Innovationsbremse heißt „Bildung“ und…

…“rationale, autoritätskonforme Bürger“ (neben „Wettbewerb“ und „Finanzierung“), zumindest wenn man der neusten Studie des DIW Glauben schenkt.. Wie in einer Pressemitteilung des DIW Berlin (siehe auch heise.de) zu lesen ist, zeigt der in einer neuen Studie erstellte Innovationsindikator für Deutschland ein sehr differenziertes Bild. Das DIW fasst die Ergebnisse zusammen mit der Schlagzeile: „Innovationsfähigkeit: Deutschland braucht mehr Schwung“. Was genau hat das DIW untersuchen lassen? Am besten man liest es selbst nach indem man das PDF-Dokument der 286 Seiten starken Studie herunterlädt.

Ein Ergebnis ist mir besonders ins Auge gefallen: „Deutschlands gravierendste Schwäche bleibt das Bildungssystem. Es ist in fast allen Belangen des in diesem Jahr verbreiterten Messkonzepts (Finanzierung, Anzahl der Absolventen mit tertiärer Bildung, Qualität etc.) im internationalen Vergleich hochentwickelter Länder unterdurchschnittlich.“ (Quelle: Ebendiese Studie Seite 4 des Executive Summery (S. 22 im PDF); siehe auch Grafik oben rechts)

Eine besonders delikate Erkenntnis lautet dabei wie folgt: „Gravierende Nachteile hat Deutschland auch bei den innovationsrelevanten Verhaltensweisen und Einstellungen der Bevölkerung. Die Bürger haben im internationalen Vergleich eine geringe Bereitschaft zur Übernahme von unternehmerischem Risiko und die Gründungsaktivitäten sind besonders schwach. Es gibt relativ starke Vorbehalte gegenüber der Erwerbsbeteiligung von Frauen und die Teilnahme von Frauen an Forschung und Innovation ist gering.“

Einerseits finde ich diese Feststellung wenig überraschend, andererseits umso gravierender. Denn, gerade der Bildungssektor im Bereich der Schulen ist durch viele Frauen im Lehrerberuf geprägt. Wenn diese aber gerade nicht an Forschung und vor allem an Innovation, i.e. Bildungsinnovation teilnehmen, dann kann sich in diesem Sektor auch nichts wesentlich nach vorne bewegen. Ebenso schließt der Begriff Bevölkerung durchaus auch die Studierenden der Unis mit ein. Auch deren „innovationsrelevante Verhaltensweisen und Einstellungen“ sind gemeint. Auf der Seite 120 der Studie wird Deutschlands Position mit dem Modell der Wertegemeinschaften nach Ronald Inglehart versucht zu ermitteln. Sehr deutlich ist zu erkennen, das Deutschland stark rational und nicht an traditionellen Werten ausgerichtet ist, was aber viel gravierender erscheint, ist die Tatsache, dass wir offenbar eher zu Werten der autoritätsbezogenen Konformität neigen, statt zu einer offenen und toleranten Gesellschaft. Japan und Korea sind ebenfalls Vertreter in diesem linken oberen Quadranten der Grafik. (siehe auch Grafik rechts; Seite 120 (S. 138 im PDF))

Interessant ist dann aber die Begründung des DIW für den Umstand, warum wir in der Bildung derart weit zurückliegen: „Bei der Finanzierung des Bildungssystems durch die öffentliche Hand und Private liegt Deutschland auf dem 12. Platz. Deutschland investiert nur 5,3 % seines Bruttoinlandsprodukts in die Bildung, der Durchschnitt der OECD-Länder liegt bei 5,9 % (OECD 2006).“ Gut da sagt man sich jetzt, was sind schon läppische 0,6 Prozent.

Nun von einem BIP das eine Höhe von ca. 2244 Mrd Euro für das Jahr 2005, sind das umgerechnet dann doch 13,46 Mrd. Euro. Nur zum Vergleich: Die Exzellenzinitiative vergibt in Ihrer gesamten Höhe gerade einmal 1,9 Mrd Euro. Das sind 14 Prozent dessen, was wir eigentlich investieren müßten, um auf den OECD-Durchschnitt zu gelangen. Dabei sollte man im Kopf behalten, das die Ausgaben für Bildung auch Ausgaben der Bürger für Bildung sein können, also z.B. die selbst bezahlte Softwareschulung und nicht nur die Investitionen des Staates, die durch zuvor erhobene Steuern und Schulden bezahlt werden.

Update 11.12.2006
Ich weiss dieser Post ist schon lang, da kommt es auf ’ne Zeile mehr nicht mehr an. Denn was der Nachrichtendienst Reuters USA über den Ticker schickt passt gerade super dazu: Study finds U.S. bias against women in science

Why do I blog this? Geld ist sicher ein wichtiger Faktor in dem ganzen Komplex. Ich frage mich aber, ob man nicht mit Aufklärung über den Zusammenhang von Zukunftsfähigkeit und der Bereitschaft sich Neuem gegenüber zu öffenen und nicht gleich alles zu verurteilen, ebensoviel erreichen könnte, wie mit einer weiteren Mrd. Euro die man in das System wirft. Meine Erfahrung zeigt mir, das vor allem Studenten der Bildungs- und Geisteswissenschaften teilweise derart innovationsfeindlich eingestellt sind, dass man als Dozent eigentlich erstmal die innovationsrelevanten Verhaltensweisen und Einstellungen bearbeiten muss, damit man irgendwie weiterkommt.

Hier besteht aus meiner Sicht wahrhaftig Handlungsbedarf! Wie kann man als angehender Lehrer z.B. bereits alles Neue völlig unreflektiert ablehnen? Offenbar ist auch die Bereitschaft sich selbständig Neues zu erschließen z.B. im Bereich „Lernen mit technischen Medien“ wie dem Internet eher gering ausgeprägt. In Zeiten jedoch, in denen das Internet zu einem der am schnellsten wachsenden Informationszugänge gehört, ist es aus meiner Sicht fatal, wenn man als angehender Lehrer diesen ganzen Bereich einfach ausblendet in der Hoffnung es wird schon irgendwie gehen. Grundbildung im Umgang mit IT wird als notwendiges Übel des Studiums angesehen und nicht etwa als Chance für Veränderung und Innovation. Das man sich über das Internet sogar weiterbilden kann, wird schon gar nicht in Betracht gezogen.

In meinem Studium war ich als einer der Ersten mit Online-Learning konfrontiert, weil mein Professor erstmals seine Lehrmaterialien mit gesprochenem Text zusammen im Internet aufbereitet hatte (u.a. grafische Animationen und gesprochene Erklärungen dazu). Es wurde an der Uni Innovation betrieben, für neue Wege der Lehrmaterialbereitstellung. Wir haben als Lerngruppe neue Wege der Aneignung beschritten und das Online-Angebot angenommen. Auch Lösungen haben wir online (per E-Mail) abgegeben und digital korrigiert (PDF mit Kommentaren) zurückbekommen. Wir wußten, dass daran kein Weg vorbei führt und es auch Vorteile hat Lehrprozesse online durchzuführen, z.B. wegen der Aktualität und eine zeitlichen Entkopplung von Dozentensprechstunden. Statt eines gedruckten und zu kaufenden Scripts, sind wir eben ins Netz gegangen. Das wir für die Klausurvorbereitung dann Webseiten zusammengefasst haben (als Word-Dokumente) statt eines Scripts, war nur konsequent. Wir haben unsere Arbeitsschritte eben auch möglichst digital durchgeführt. Statt eine Grafik auszuschneiden ein Bildschirmfoto gemacht, usw.

Mangelnde Veränderungsbereitschaft bringt einen da nicht weiter und betrifft meist meist nicht nur die eingesetzte Informationstechnologie (IT), sondern auch neue Methoden der Veranstaltungsgestaltung, die von eigenen Erfahrungen abweichen. Innovationsfeindlichkeit und Protektionismus gegenüber allem Neuen, was sich von der eigenen Erfahrung abhebt, das sind aus meiner Sicht die wahren Bremsen in Deutschland, denn wenn der Kopf nicht will, dann hilft auch die vor die Nase gehaltene Belohnung (Geld) nicht viel weiter.

In der Pressemitteilung ist zu lesen: „Das Potential, das qualifizierte Frauen für die Innovationsfähigkeit eines Landes bieten, wird in Deutschland zu wenig ausgeschöpft.“ Aus meiner Sicht sollte man zunächst erstmal die gesellschaftliche Akzeptanz von Frauen als Innovatorinnen anheben und zugleich die Veränderungsfreudigkeit der Bevölkerung aktivieren. Das widerum bedeutet Aufklärung tut not. Aus meiner Sicht wird das politische Mittel der Aufklärung aber dramatisch unterschätzt und wenig genutzt. Bürger die bislang stark auf Autoritätskonformität und Rationalismus gesetzt haben, dürften eine ideale Zielgruppe sein, für Aufklärungskampagnen, die neue postmoderne Werte betonen. Für einen solchen Übergang wäre es sicher kein Schaden, auch ein wenig Halt in der Tradition zu suchen, die wir bislangs als rational Orientierte ausser Acht ließen.

Virtualität als Ersatz für naturwissenschaftliche Experimente?

Die New York Times hat einen interessanten Artikel mit dem Titel „No Test Tubes? Debate on Virtual Science Classes“ zum Thema Lernen mit Computersimulationen veröffentlicht. Um es schnell auf den Punkt zu bringen, zitiere ich einmal den aus meiner Sicht wichtigsten Satz:

College Board, one of the most powerful organizations in American education, is questioning whether Internet-based laboratories are an acceptable substitute for the hands-on culturing of gels and peering through microscopes that have long been essential ingredients of American laboratory science.

Beispiele für Simulationen, die zunehmend als Ersatz für echte Labore eingesetzt werden, finden sich einige. Unter anderem für das virtuelle Sezieren von Tieren und ein paar ausgewählte weitere:

  1. Sezierung eines Schafsgehirns
  2. Sezierung eines Froschs
  3. Sezierung des Muskelsystems einer Ratte
  4. Sezierung eines Schweins
  1. Virtuelles Chemielabor
  2. Virtual Chemistry Lab
  3. Virtual Physics Lab
  4. Virtual Labs and Simulations
  5. Physikexperimente zu Optik und Mechanik
  6. Schulung von Minentauchern der Deutschen Marine mit VTT (Update 22.11.2006)

Für mich ist das kein e-Learning, obwohl hier durch das Wort „virtuell“ der Eindruck entstehen könnte. Aus meiner Sicht sind es eben ganz einfach Computersimulationen. Das Problem ist also kein e-Learning Problem, sondern es ist ein Problem der Simulation. Die Frage ist also, ob die Simulation einer Sezierung oder eines chemischen Prozesses gut genug ist für das was vermittelt bzw. erreicht werden soll.

Für mich ist die Antwort relativ klar: Realität kann man nicht simulieren. Wenn das so wäre, dann würden Pilotenschüler z.B. der Lufhansa nicht mit kleinen einmotorigen Flugzeugen das Fliegen beginnen und sich dann langsam mit Flugstundenerfahrung auf größere Flieger hocharbeiten. Wenn man Realität simulieren könnte, dann würden diese Piloten ausschließlich am Computer lernen und dann direkt in einen A340 einsteigen und damit abheben. Die Begleitumstände, Kombinationsmöglichkeiten und Folgen eines chemischen Versuchs in der Realität sind aber so vielfältig, das kann man aus meiner Sicht nur schwer angemessen simulieren. Wie will man z.B. den wechselnden Luftdruck, Luftfeuchtigkeit, gelegentliche UV-/Sonnenlichteinstrahlung und Umgebungstemperatur usw. simulieren? Wie die Gerüche, die bei Chemie ja oft entstehen? Wie die Geräusche, die man bei Prozessen hören kann? Wie die Wärmeabstrahlung?

Die Abläufe an sich und die Reihenfolgen von Arbeitsschritten die kann man sicher gut trainieren, das machen Flugpiloten ja auch am Simulator. „Gefühl“ für Flugzeug, Gefahren und Risiken dagegen sind sicher nicht so einfach per Simulation zu erlernen. Es gibt gute Gründe die gegen Simulation sprechen aber auch gute die dafür sprechen. Das ist auch im E-Assessment eine Frage. Wissen über Abläufe und Routinen kann ich z.B. prima in einer Simulation überprüfen. Jemand der an einer Simulation lernt, sollte sich auch genau bewußt sein, das es eben nur eine Simulation ist. Das nennt man auch Rahmungskompetenz! Odeer um es anders auszudrücken: In dem Moment, wo ein Lufthansapilot vergessen würde, dass das Flugmanöver eben NICHT im Simulator stattfindet, dürften sich einige Passagiere deutlich unwohler fühlen (z.B. bei einer sehr steil geflogenen Kurve).

Why do I blog this? Die Frage ist, warum ich endlich mal wieder zum bloggen komme. Ich hab die letzten Wochen ziemlich viel zu tun gehabt, um mein Experiment zur Virtuellen Proxemik vorzubereiten. So einige Hürden schienen schlicht unüberwindbar, mussten aber überwunden werden. Mittlerweile sieht es so aus, als ob es noch klappen könnte. Daher traue ich mich auch mal wieder einen Blog-Entry zu schreiben. Das Thema Simulation ist ja ein Dauerbrenner. In dem Artikel der NYT ist es aber mal umgekehrt zu dem Problem, dass vielen z.B. Computerspiele „zu echt“ sind. Hier ist mal zur Abwechslung jemandem die Simulation „zu unecht“. Für mich fällt beides unter das Grundproblem der Rahmungskompetenz. Denn, ist diese nicht vorhanden oder wird etwa in beiden Fällen ungenügend vermittelt, dann wird es aus meiner Sicht gefährlich für die Menschen drumherum und sogar den Simulationslerner selbst.